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Photos, Grafik und Gestaltung: Konstanze Winkler
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Deutschland ist nicht nur politisch, sondern auch tänzerisch in mehrere Regionen unterteilt. Während einige noch ein wenig unterentwickelt wirken, andere vor Kraft strotzen und wieder andere erst einmal ein Päuschen einzulegen scheinen, ballt sich in Franken (Bayern darf man da ja nicht sagen) eine neues Epizentrum des Orientalischen Tanzes und des Tribal zusammen, von dem wir noch eine Menge hören werden. Wir sind, Asche auf unser Haupt, heuer zum ersten Mal dazu gekommen, ein Enussah-Festival zu besuchen, nämlich das OT-bestimmte „Total Oriental“, und waren rundum begeistert. Deswegen gab es für uns auch keine Diskussion bei der Frage, ob wir auch zur anderen Seite der Medaille fahren wollen, der Tribal-lastigeren „Tribal Convention“. Lest hier, wie es uns Ende Mai in Nürnberg ergangen ist, und gewiß bekommt auch ihr dann Lust darauf, die jetzt anstehende Tribal-Veranstaltung zu besuchen; der Tribal- und der Orientalische Tanz sind schließlich keine feindlichen Brüder.
Die warme und freundliche Atmosphäre, der familiäre Umgang miteinander, all dies trägt zum Charme der Veranstaltung bei - und, zugegeben, auch ein äußerer Einfluß, an diesem Samstag Ende Mai 2015 denn es herrschte traumhafter Sonnenschein. Ansonsten findet man sich erst einmal gut zurecht: Es gibt ein großes, übersichtliches Gebäude, in der Vorhalle der offene Basar mit einem interessanten Angebot, es gibt viele fleißige und freundliche junge Damen, die einem gern weiterhelfen, es gibt im großen Saal die Nachmittags-Show mit viel Talent, erfahrenen Profis und den Mutigen, die sich zum ersten Mal auf die Bühne wagen. Ja, wer sich auf die Offene Bühne bemüht, tanzt genau dort, wo am Abend auch die Großen und Berühmten das Publikum verzaubern.

Aber da ist auch noch eine große Besonderheit, dessen sich eben nicht alle Festivals rühmen können: Deutschlands älteste und immer noch wichtigste (gedruckte) Fachpresse, die „Halima“, verleiht ihren gleichnamigen Preis von diesem Jahr an im Rahmen des Total Oriental-Festivals. Es wird dann auch ein bewegender Moment, als Herausgeberin Brigitte Baldinger die Bühne betritt, die Preisträger verkündet und die jeweilige Begründung verliest. Man sieht den Gewinnern an, daß sie ganze verdattert sind, wenn ihr Name fällt (wer es in einem Jahr geschafft hat, bleibt bis zur Verleihung eines der bestgehütetsten Geheimnisse unserer Szene). Nicht umsonst zählt dieser Preis zu den wichtigsten Europas. Siehe die Preisträger in der Rubrik MA KUCK’N Meldung dieser Zeitung
(http://www.hagalla.de...).

Übrigens wird es bei der kommenden TRIBAL CONVENTION ebenfalls zu einem Wettbewerb kommen. War es bei TOTAL ORIENTAL der älteste OT-Preis Deutschlands, der Halima-Preis, so erwartet uns im November der jüngste Preis, der FUSION RISING STAR (s. kommentierte Vorstellung in dieser Zeitung).

Und damit endlich zur Show, die es mit 30 Beiträgen nicht nur quantitativ in sich hatte, sondern auch mit Tiefgang und Qualität aufzuwarten wusste.

Brigitte Baldinger verleiht die "Halima" - hier an Romy Mimus
Foto rechts, die Preisträger (v.l.n.r.): Sabuha Shahnaz, Nicole McLaren, Lorena Galeano, jomdance company, Anastasia Korobowa, Eliana, Romy
Die Show-Gala

Wie es guter Brauch ist, eröffnen die Kräfte der Veranstalterin den Abend. Wenn Enussah nicht gerade ein Festival vorbereitet, betreibt sie nämlich die Tanzschule „Scarabeo Palace“, und so macht die Step On Company den Anfang. „Step On“ ist das niveauvolle Fortgeschrittenen-Format des „Scarabeo Palace“ und bringt uns gleich mit einem klassisch orientalischen Raks Sharki in die richtige Gala-Stimmung. Tanzfreude und Leidenschaft bestimmen den Vortrag, und die gelungene Choreographie, die das Oktett gern auch in Kleingruppen aufteilt, tut ein übriges. Spätestens als das Stück in ein Trommelsolo übergeht, klatscht der ganze Saal mit. – Nach diesem gelungenen Auftakt erscheint Birthe auf der Bühne, um uns durch den Abend zu geleiten.
Mayyadah ist in ganz Deutschland ein Begriff für klassischen Orientalischen Tanz, und das stellt sie auch heute wieder unter Beweis. Hinzu kommt ihr feiner Sinn für Humor, und sie lässt dem Raks Sharki ein fröhliches, fetziges Trommelsolo folgen. – Gleich im Anschluß Mayyadahs Ensemble Faddah al Layal, das ebenfalls schon ganz schön herumgekommen ist. Das Septett zeigt uns einen Raks Sharki mit Schleier-Eröffnung, wechselt dann zum Stocktanz, tanzt mit Stock ein Trommel-solo und stellt auch sonst ein gelungenes Ensemble dar.
Aus Argentinien kommt Lorena, und wie alle Südamerikaner hat sie Rhythmus im Blut. Ihr Raks Sharki ist geprägt von der Leidenschaft, die von ganz tief innen kommt. Sie versteht sich auch auf Mischformen, den sogenannten Fusionen. – Eine sehr junge Dame, Anastasja Korobowa, betritt die Bühne. Da die Russin bereits seit dem zweiten Lebensjahr tanzt, hat sie trotz ihrer Jugend bereits ein Talent entwickelt und ausgeformt, das ihr viele Preise eingebracht hat.
Und weiter mit rassigen Rhythmen, diesmal aus der Karibik. Der in Holland lebende Rachid Alexander verleiht mit seiner langer, feingliedriger Gestalt seinem Orientalischen Tanz eine ganz eigene Note, und das Spiel seiner Bauchmuskeln beim Shimmy ist sehenswert. – Noch einmal Rußland, die lange Jahre in Deutschland lebende (und im nächsten Jahr in die Heimat zurückkehrende) Delanna hat für ihr Ensemble Lazurie eine Choreographie (zusammen mit Marta Korzun) für einen Shaabi entwickelt, die weder Schwung noch Lebensfreude vermissen lässt.
Im Anschluß sehen wir die Meisterin selbst, Delanna tanzt ebenfalls einen Shaabi, und zwar so, wie man ihn auf den ägyptischen Straßen zu sehen bekommt: frech, bunt, fröhlich. – Nun kündigt sich schlicht ein Trio BDSS an, doch dahinter verbergen sich die drei Weltstars Inka, Romy und Stefanya von den Bellydance Superstars: Zum ersten Mal ist es gelungen, gleich dreier von ihnen habhaft zu werden, und das außerhalb einer BDSS-Tournee (unser besonderes Kompliment an die Festspiel-Leitung); sie bilden hier an diesem Abend ein synchrones Trio, und ihr Raks Sharki ist so voller ansteckender Leidenschaft, daß das Publikum geschlossen mitklatscht.
Rußland und Deutschland sind mittlerweile gleichermaßen ihre Heimat, Eliana hat sich bei uns bis ganz nach oben gearbeitet. Ihr Tribal Fusion und ihre eigenwilligen Interpretationen von klassischen Stücken oder Filmmelodien sind zu einem Markenzeichen geworden, und heute schenkt sie uns einen lyrischen Tribal Fusion; so sinnlich und faszinierend, daß man ihr stundenlang zuschauen könnte. – Das Ensemble Shakra der gleichnamigen Fürther Tanzschule von Seetha hat uns einen schwungvollen Doppelschleier-Tanz mitgebracht, der im Anschluß von einem exotischen Trommelsolo gekrönt wird.
Sabuha Shahnaz gehört zu den deutschen OT-Pionierinnen und bringt sehr viel Erfahrung mit. Ihr Zigeunertanz auf Roma- und türkischer Basis erfreut durch Lebendigkeit und Leidenschaft. – Die Amerikanerin Nicole McLaren lebt in der Schweiz und hat sich in einer Disziplin einen großen Namen gemacht, der lange als allein den Männern vorbehalten galt: dem Drehtanz. Diesem verleiht sie ihre ganz eigene Note, indem sie die traditionellen Formen aufgeweicht und modernisiert hat; dazu gehört auch Dub Step- und Rock- Musikbegleitung.
Rakas, das ist die Vorzeigetruppe des Hauses „Scarabeo Palace“, und diese Formation kann sich wirklich sehen lassen. Sie hat mehrere Preise gewonnen, war bereits im Fernsehen zu bewundern und hatte kürzlich ihre erste eigene Show. Heute gibt es von ihnen einen modernen orientalischen Tanz im Quintett, der in ein Ensemble-Trommelsolo übergeht. Später kommen sechs weitere Mitglieder hinzu, und zu diesem „Elferrat“ gesellt sich dann auch Enussah,
die zum krönenden Abschluß der ersten Show-Abteilung einen fesselnden und ebenso sinnlichen wie romantischen Federfächer-Tanz darbietet.
Rakas
Moderation: Birthe
Step On Company
Faddah al Layal
Mayyadah
Lorena Galeano
Anastasia Korobowa
Rachid Alexander
Ensemble Lazurie
Delanna
Eliana
Trio BDSS, Stefanya, Inka & Romy
Nicole McLaren
Rakas
Sabuha Shahnaz
Ensemble Shakra
Fotos links:
Enussah
TOTAL ORIENTAL
Nürnberg, 31. Mai 2014

Der Show-Bericht

von Marcel Bieger