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Showberichte
Photos © Karin Lux
Graphik/WebDesign: Konstanze Winkler
Und wieder freuen wir uns, im folgenden Gast-Beitrag in ein Projekt eingeführt zu werden, daß sich auf die Fahnen geschrieben hat, behinderte und nichtbehinderte Menschen im Tanz zusammen-zuführen. Das Takamol stand im letzten Herbst bereits zum dritten Mal auf der Bühne, und der Termin für die Nummer 4 steht bereits fest, wieder zusammen mit Tamasok.
Takamol – Wo Handicaps enden und Tanz beginnt
- von Carina Levana Meisel
Wo Handicaps enden und Tanz beginnt … das ist das Motto der ungewöhnlichen Tanzprojekte „Takamol“ und „Tamasok“ von Leylah Sadim. Und diesen Wahlspruch setzt die Nürnberger Tänzerin, Lehrerin und Choreographin für Orientalischen Tanz, Oriental Fusion und Tribal Style mit Leib und Seele um. Vor vier Jahren rief Leylah Sadim das Projekt „Takamol“ (dt. Integration) ins Leben und verband damit ihren Beruf als Sozialpädagogin mit ihrer Berufung als selbständige Tänzerin und Dozentin. Die Gruppe besteht aus 16 Männern und Frauen mit einer körperlichen und/oder geistigen Behinderung.

Einmal im Monat trainieren die Tänzerinnen und Tänzer im Studio Scarabeo Palace von Enussah, wo Leylah seit Jahren als Lehrkraft tätig ist. Als Kooperationspartner konnte Leylah die Offenen Hilfen der Lebenshilfe Fürth gewinnen, welche ihr von Anfang an bei der Umsetzung mit Rat und Tat zur Seite standen. Takamol feierte bereits auf vielen großen und kleinen Bühnen großartige Erfolge und begeistert und berührt Zuschauer.
Ein Teil der Gruppe Takamol
Inklusionstanzprojekt Tamasok, Gruppe von Elenya und Alima
Doch damit nicht genug, Leylah Sadim hegte schon lange einen großen Traum: Menschen mit und ohne Behinderung, die sich in ihrem Alltag wahrscheinlich nie begegnet wären, tanzen gemeinsam, haben Spaß und lachen, schließen ungewöhnliche Freundschaften, stehen miteinander auf der Bühne und gestalten eine eigene abendfüllende Tanzshow – und all das fern ab von Abstand oder Vorurteilen, also Inklusion in Reinkultur.

Klingt fast zu schön, um wahr zu sein? Nein, denn 2015 gründete Leylah das Inklusions-Tanzprojekt „Tamasok“ (dt. Zusammenhalt). Tamasok schafft unkomplizierte Möglichkeiten der Begegnung und läßt außergewöhnliche Freundschaften entstehen. Das Konzept von Takamol und Tamasok ist in Deutschland bisher einmalig.
Tamasok besteht neben den Takamol-Tänzern mit Handicap aus acht Tamasok-Lehrern. Bei ihnen handelt es sich um renommierte Tänzerinnen und auch Lehrerinnen aus der orientalischen Tanzszene, die mit viel Engagement und Freude uneingeschränkt ehrenamtlich am Projekt mitarbeiten. Jede der Übungsleiterinnen muß neben tänzerischem Vermögen ein hohes Maß an Sozialkompetenz und pädagogischem Feingefühl mitbringen, was für die Arbeit im Inklusionsprojekt unabdingbar ist. So wurden alle Lehrerinnen von Leylah unter ganz klaren Kriterien für das Projekt ausgesucht und kontinuierlich professionell von ihr angeleitet.

Als absoluter Höhepunkt findet einmal pro Jahr eine abendfüllende Inklusions-Tanzshow statt, in welcher die Gruppe Takamol und das Projekt Tamasok die Ergebnisse ihrer Arbeit vostellen. Doch bis dahin ist es jedes Jahr wieder ein weiter Weg, der und hartes Training mit sich bringt.

Carmen
Timo aus der Trommelgruppe
Inklusionstanzprojekt Tamasok, Gruppe von Laura Ammurah und Natascha
Inklusionstanzprojekt Tamasok, Gruppe von Levana und Mayla
Wie sieht die Arbeit in den Projekten konkret aus? Ein Projektjahr beginnt laut Leylah Sadim damit, daß sie selbst mit ihren Takamols eine neue Choreographie einstudiert. Leylah legte von Anfang an großen Wert darauf, die Tänzer und Tänzerinnen so zu trainieren, daß die Gruppe Takamol bei Auftritten alleine und ohne „Vortänzerin“ auf der Bühne stehen kann. Leylah selbst sieht man lediglich vor der Bühne Anweisungen in Form von Handzeichen geben – sie ist sozusagen die „Souffleuse“ im Hintergrund. Ihr Konzept sieht vor, daß Menschen mit Behinderung nicht als  „Staffage“ oder mit einer „Vortänzerin“, sondern alleine die Bühne beleben und ihre Fähigkeiten zeigen. Choreographien müssen natürlich dementsprechend ausgearbeitet werden, dass die Takamols genau dazu befähigt werden. Leylah handelt hier nach ihrer Überzeugung, daß ungeahnte Fähigkeiten in Menschen mit Handicap stecken. Man muß ihnen nur den Raum geben, diese auch entdecken, fördern und ausleben zu können.
Gastgeberin & Initiatorin Leylah Sadim
Enussah
Die Übungsleiterinnen des Inklusionsprojekts "Tamasok"
Naira
Elenya
Gudrun
Alima
rechts: Laura Ammurah
Levana (Autorin des Artikels)
Mayla
Natascha
Anders aufgebaut ist das Konzept ihres Inklusions-Tanzunter- nehmung „Tamasok“, welche immer im Anschluß an das Takamol-Training stattfindet. Hier sollen Menschen mit und ohne Handicap gemeinsam auf der Bühne stehen und in ihren jeweiligen Kleingruppen über mehrere Monate eine Showformation mit einem bestimmten Tanz-Accessoire erarbeiten. Dazu haben alle Lehrerinnen die Aufgabe, sich Gedanken darüber zu machen, was sie für die nächste Show vorbereiten möchten. In einer Teamsitzung stellt jeder seine Idee kurz vor. Ist das Gesamtbild erschlossen, d.h. eine gute Mischung aus ruhigen und schnellen Stücken für die bevorstehende Show, werden die Übungsleiter-Teams neu gebildet. Im Normalfall hat jede Kleingruppe, die sich aus den Takamol-Tänzern bilden, zwei Trainer. Das ist für die individuelle Betreuung und Förderung jedes Einzelnen wichtig und hat sich in den letzten Jahren bewährt.

Ist dies geschafft, erarbeiten die Lehrerinnen jeweils einen Kurz-Workshop, in dem sie ihr Accessoire den Takamols vorstellen. Alle Tänzer und Tänzerinnen besuchen bei diesem Training im Wechsel jeden Kurz-Workshop und probieren das jeweilige Accessoire bzw. den vorgestellten Tanzstil aus. Hier muß schon mit viel Fingerspitzengefühl auf die jeweiligen Tänzer und ihr Handicap eingegangen werden. Nicht jeder kann mit jedem Accessoire umgehen, sollte aber trotzdem Spaß an dem Workshop haben. Im Anschluß an dieses Training dürfen die Takamols selbst entscheiden, mit welchem Trainer-Team und welchen Accessoire sie für die Shows im Herbst arbeiten möchten.  

Dieser Moment ist für die acht Übungsleiterinnen immer sehr aufregend, denn nun startet die Hauptarbeit in der Vorbereitung der Shows. Die Tänzerinnen und Tänzer von Takamol sind in unterschiedlicher Weise körperlich und geistig eingeschränkt, das heißt es in der Choreographie zu berücksichtigen. Alle sollen sich harmonisch in das Gruppenbild einbringen können. Dafür ist im Training in den Kleingruppen natürlich viel Fingerspitzengefühl gefragt, denn die schönste Choreographie nützt nichts, wenn sie von den Tänzern und Tänzerinnen nicht umsetzbar ist. Die Lehrerinnen möchten trotzdem aus jedem einzelnen Tänzer das bestmögliche herausholen und ein harmonisches Gesamtbild zeigen. Leylah unterstützt ihre Mitarbeiterinnen in solchen problematischen Situationen und weist sie, wenn nötig, an. Viele lustige, aber auch schweißtreibende Unterrichtsstunden vergehen bis zur Show; denn die Takamols tanzen mittlerweile auf einem wirklich hohen Niveau, und auch der Anspruch der Übungs- leiterinnen und ihrer jeweiligen Schützlinge steigt von Jahr zu Jahr.

Nach der Sommerpause geht es dann direkt auf die Showbühne für die Proben. Das ist der große Vorteil an Enussahs wunderschönem Tanzstudio in Nürnberg: die Bühne direkt in den Trainingsräumen. Das gibt den Takamols sehr viel Sicherheit und Selbstvertrauen. Die Wege sind bekannt, es herrscht eine familiäre Atmosphäre, und jeder kennt seinen Platz auf der Bühne.

Bereits zum dritten Mal fand 2017 diese Show der etwas anderen Art statt und das gleich an zwei Tagen. Da die Nachfrage nach Karten in den letzten beiden Jahren so groß war, fanden in diesem Jahr am 21. und 22. Oktober gleich zwei Shows im Studio Scarabeo Palace statt. Wieder waren beide Shows innerhalb kürzester Zeit ausverkauft und über 200 Zuschauer wurden mitgenommen in eine märchenhafte Welt aus tausendundeiner Nacht.  Mit Tänzen aus dem klassischen, aber auch modernen oder Fusion- und Folklorebereich sowie mit Accessoires wie Fächer, Säbel oder Schleier zeigten die Künstlerinnen und Künstler dem Publikum die ganze Bandbreite des orientalischen Tanzes in wundervollen Kostümen, die auch diesmal wieder von Hannah vom Orient-Atelier Hannah speziell angefertigt worden waren. Die acht Tamasok Lehrerinnen zeigten ihr tänzerisches Können in Soli und Duos. Enussah, Leylahs jahrelange Tanzkollegin und frühere Lehrerin ließ es sich auch diesmal wieder nicht nehmen, nicht nur als Moderatorin gekonnt charmant und professionell durchs Programm zu führen, als auch das Publikum auch mit ihren Tänzen zu verzaubern. Aber auch Gastgeberin Leylah Sadim und ihr Eilistraee Mystic Dance Ensemble beeindruckten das Publikum. Die Live-Trommelgruppe „Hammamet Drums“, welche sich in diesem  Jahr zum ersten Mal an ein Trommelprojekt zusammen mit Musikern mit Handicap wagten, heizten dem begeisterten Publikum ein.
Inklusionstanzprojekt Tamasok, Gruppe von Naira und Gudrun
Mehr Inklusion geht nicht, da sind sich Leylah, alle Übungsleiterinnen und auch die Regionalpresse einig – der Tanz steht im Mittelpunkt, die Behinderungen sind nebensächlich, ganz nach dem Motto: wo Handicaps enden und Tanz beginnt.

Bitte vormerken:
Takamol 2018 am 13./14. Oktober
im Studio Scarabeo Palace

Infos:
www.leylah.de & www.takamol-tamasok.de

Großes Finale ... vorne: Kostümschneiderin Hannah vom Orient-Atelier Hannah
Finale, mit allen Beteiligten unter Trommelbegleitung der Hammamet Drums
Leylah Sadim und ihr Eilistraee Mystic Dance Ensemble
Alle Tamasok-Leiterinnen und Leylah Sadim