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Das zeitgenössisch orientalische TAI Bühnentanzprojekt "Secret Lila" von Raksan ist immer einen Besuch wert. Wir waren dabei - "Secret Lila" in Hannover,
am 13. Mai 2017 - organisiert vom Tanzraum (Alexandra Michels)

Clarissa Westphal, selbst Tänzerin, war ebenfalls mit uns dort und beschreibt lebendig und anschaulich, was es zu
sehen gab.
LIEBE ZUM TANZ UND SPANNENDE SYMBIOSEN

Raksans „Secret Lila“ in Hannover

von Clarissa Westphal

Erwartungsfroh betrachtet das Publikum das Bühnenbild - es besticht durch Einfachheit. Raksan – gekleidet in schlichtes Grau - stellt höchstselbst seitlich am Bühnenrand mehrere Stühle unterschiedlicher Art auf. Die Bühnenrückseite erinnert an eine Fabrikhalle: weißer Backstein, der während der Vorführung mit unterschiedlichem jeweils passendem Farblicht angestrahlt wird.

Doch nun entsteht Bewegung. 13 farbenfrohe, hauptsächlich in Rot- und Orangetönen gewandete Tänzerinnen (lange Hosen, kunstvoll drapierte Hüfttüchern und bauchverhüllende Oberteile) kommen herein und beginnen sich aufzuwärmen, ein vertrautes Bild für diejenigen, die selbst tanzen. Schon sind wir mittendrin, es setzt leise meditative Sufi-Musik ein. Auf der Bühne geht man selbstversunken dem eigenen „sich Aufwärmen“ nach und dehnt, und beugt und streckt. Nach und nach erweitert sich der Blick über das eigene Feld hinaus und nimmt eine Tanzkollegin wahr. Man arbeitet teils zu zweit weiter. Die Szene hat etwas von einem Erwachen, einem vorsichtigen Hintasten – doch wohin?
Die Bewegungen werden verhalten tänzerisch, die Musik sphärisch mystisch. Die Tänzerinnen nehmen nun zunehmend die Bewegungen einer anderen Frau auf, und die Zuschauer sehen immer mehr Synchronität. Auf der Bühne entsteht eine dynamische, lockere und freudvolle Atmosphäre. 

Jetzt folgt der orientalisch tänzerische Teil. Zu sehnsuchtsvollen Taksim-Klängen wird ein Shimmie dargeboten, dessen Besonderheit nicht nur der hingebungsvoll verträumte Ausdruck ist, sondern daß zwei Frauen wie eine Person agieren, die vordere die Hüften schüttelt und ihre Partnerin den Arm-Part übernimmt. Die Duos wechseln und werden jedesmal dynamischer.

Im Laufe der Show wird diese Zusammenarbeit noch mehrfach aufgegriffen. Wir sehen im Laufe der Aufführung noch mehrmals diese spannende Symbiose von unterschiedlichen authentischen Tanzstilen gleichzeitig auf der Bühne. Die Liebe zum Tanz und zum Ausdruck ist jederzeit unübersehbar, die Individualität jeder Tänzerin wird durch diese Werkschau vortrefflich unterstützt.
Es steigert sich zu einem schwungvollen Saidi in orangefarbenem Licht, der von etwa der Hälfte der Frauen mit einem originalen Stock, wie ihn männliche Tänzer benutzen, kreisförmig getanzt wird, die übrigen sitzen auf den seitlichen Stühlen, untermalen den hypnotischen Takt mit den Füßen. 

Fast unmerklich, während die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Mitte der Bühne gerichtet ist, haben die Frauen auf den Stühlen begonnen, sitzend mit ihren Schleiern liebevoll zärtlich und sehnsuchtsvoll zu agieren, ein sehr zurückhaltendes Bild an den Seiten, in nunmehr grünes Licht getaucht, während in der Mitte weiter der Saidi tobt. Warten hier Frauen auf ihre Liebsten? Die Schleier werden schließlich ebenfalls in freudvoller Dynamik zur Geltung gebracht, während die Tanzstöcke ruhen müssen.
Nun erklingt in blauem Licht eine Komposition türkischer und chinesischer Klänge, die zeitweilig das Bild des chinesischen Drachens vor dem inneren Auge auftauchen läßt; dazu passend die winzigen schnellen Schritte der eng hintereinander trippelnden Frauen, die diesen bei chinesischen Festen obligatorischen Drachen imitieren. Es folgen diverse Formationen mit wechselnden Solistinnen.
Danach sehen wir einen ausgelassenen Zigeunertanz im 9/8-Takt, zu dem das Kostüm rasch um weite Röcke ergänzt wird. Nun muß auch das Publikum mit, wenn auch nicht auf der Bühne - denn die wilde Horde springt mit wehenden Stoffen zwischen die Besucherstühle, was einen willkommenen erfrischenden Luftzug erzeugt. Fröhliches Jauchzen und sogar Singen, und dann plötzlich - Ende.
Aber noch nicht vorbei - zum Entzücken des Publikums gibt es jetzt noch mehrere wechselnde kurze Solo-Einlagen zu Balkan Hip-Hop, angefeuert von den übrigen auf der Bühne sitzenden Tänzerinnen. 
Der Schluß-Akkord wird gebildet von allen Tänzerinnen einschließlich Raksan, die sich, zunächst noch mit Brille, herrlich unkompliziert einreiht, um zu traditioneller getragener Musik bulgarischer Zigeuner das Ende der Aufführung einzuleiten.

Raksan stellt die Mitwirkenden noch namentlich vor; und jede erhält zum Abschluß die bewährte Blumengabe unseres Haus- und Hoflieferanten Manfred Lipphardt.
Was wir heute Abend gesehen haben, war keine Show im üblichen Sinne mit ausgefeilten Choreographien, aufwendiger Kostümierung und Gala-Show-Make Up, sondern eine Werkschau, die mit viel Herz, Hingabe, offensichtlicher Tanzliebe und natürlicher Harmonie unsere Sinne berührt hat. Jede Frau präsentierte sich authentisch auf ihre eigene Weise, problemlos konnte jedes Solo zum Schluß zugeordnet werden. Die Tänzerinnen wirkten selbstbewußt, aufmerksam, charismatisch, und für meine Begriffe sehr ansprechend gekleidet. Die Frauen tanzten Poesie, die Stimmung hatte etwas "Heilsames", und damit konnten wir sehr gut nach Hause gehen.
Zum Schluß ein Zitat von Raksan als künstlerischer Leiterin dieses Bühnen-Tanz-Projektes:
"Wichtig ist, dass die teilnehmenden Frauen erleben konnten, wie die vielen in den Proben behandelten Tanz-und Schauspieltechniken, das intensive Miteinander, das "Sich einlassen" auf der Bühne wirklich Früchte getragen haben. Das ist gelungen, denke ich!" 

Nach dem anhaltenden Applaus zu urteilen, sieht das Publikum das genauso, und ich bin der festen Überzeugung, daß wir mehr Shows solcher Art brauchen!

Homepage:
www.raksan.de
Grafik/WebDesign: Konstanze Winkler
Photos © Konstanze Winkler