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Homepage: www.artemis-events.net
Photos © Konstanze Winkler
Stuttgart ist eine schmucke Stadt, der man anmerkt, daß hier einmal Fürsten ihre Residenz hatten. Und natürlich gibt es hier Bauchtanz, OT sowie  Tribal, und verantwortlich dafür ist die Künstlerin Artemis, die gemeinsam mit ihrem Mann Dieter hier nun schon zum 6. Mal zu ihrem „Orientalischen Tanz-Festival“ einlädt. Genauer gesagt, in die „Sängerhalle“, einem gemütlichen Haus mit eigenem Saal, einem Vorraum für den Basar und angeschlossener Restauration. Alles in einem, und wenn man nicht gerade Raucher ist, braucht man das Gebäude das ganze Wochenende über nicht zu verlassen. Für uns ist es das erste Mal, und wir befinden uns in entsprechender gehobener Erwartungshaltung. Wir nehmen im Saal an gedeckten Tischen Platz, und ständig eilen Kellner hin und her, um für unser leibliches Wohl zu sorgen.
VON FERN UND DOCH SO NAH

6. ORIENTALISCHES TANZ FESTIVAL
Stuttgart Global

22. - 23. März 2014

Showbericht von Marcel Bieger
RAHMENPROGRAMM

Wie mittlerweile auf jedem Festival, das auf sich hält, wird fast den ganzen Tag über – von Nachmittag bis Mitternacht – etwas geboten. Die Künstler der „Offenen Bühne“ bieten ihre Kunst auf der großen Bühne, und das gibt auch diesem Geschehen ein ganz eigenes Gewicht; kurzum, man sieht öfter hin. Und das nicht ohne Gewinn, denn es gibt allerlei zu entdecken. Latifah Abdels Tribal-Gruppe Les Fleurs du Tribal zum Beispiel, die das Zeug in sich haben, es noch weit zu bringen. – Samira Sabet tritt auf, die man mit ihrem Gothic Tribal Fusion bei uns viel zu selten sieht. – Layali el Said sind uns mit ihrem fröhlichen und quicklebendigem Tanz zu türkischem Pop angenehm aufgefallen. Und Künstlerinnen, die es bereits geschafft haben, sind sich auch nicht zu schade für die Offene Bühne beim OTF. Wir freuen uns zum Beispiel über Ida Mahins „Louis Armstrong“-Darbietung. Wir erfahren, daß diese Nachmittags-Shows bereits für einige das Sprungbrett in die Abend-Gala gewesen ist, und wer dort auftritt, ist auf dem Weg nach oben schon ein gutes Stück vorangekommen.

WETTBEWERB

Jeder Veranstalter von Rang liebäugelt mit einem eigenen Wettbewerb, und in diesem Jahr hat Artemis diesem Wunsch

Taten folgen lassen. Zwei Kategorien sind vorgesehen, die OT-Abteilung, die den Titel „Miss Belly Raks“ verleiht, und – salopp gesagt – der ganze Rest, von Tribal bis Bollywood“, bei dem es den Titel „Miss Fusion Raks“ zu erringen gilt. Zu beiden „Miss-Wahlen“ treten ausreichend Kandidatinnen an, und am Ende freuen sich alle mit den Gewinnern, wir hätten der einen oder anderen eine bessere Platzierung gewünscht. Die Jury setzt sich in beiden Fällen aus den anwesenden Profis zusammen, und von denen findet man auf diesem Festival sowohl national wie international reichlich. Wir sind gespannt, wie es mit diesem Wettbewerb weitergeht. (Vergleiche EXTRABLATT-Meldung zum Ausgang des Contests am 1. April in dieser Zeitung – kein Scherz!)
LIVE-MUSIK

Oh ja, das ist eine Besonderheit dieses Festivals, sogar eine prägende. Sechs Musiker aus allen Ecken des Nahen Ostens und Ägyptens sind angereist und begleiten die Tänzerinnen, die sich in dieser Königinnen-Disziplin versuchen wollen. Zu Live Musik zu tanzen und mit einer solchen Kapelle zu harmonieren, ist alles andere als einfach. Wir haben mit Ali Baba, dem Kapellmeister gesprochen (s. Interview in dieser Zeitung), und dort beschreibt er einiges von den Herausforderungen und Schwierigkeiten, sich beim Tanz zu Live-Musik mit den Musikern zu verständigen, aber auch, was es heißt, mit unkonzentrierten Künstlerinnen arbeiten zu müssen. Wir dürfen den Proben beiwohnen und sind beeindruckt. Am Abend auf der Bühne klappt dann alles so perfekt, daß man sich gar nicht vorstellen kann, wie vieler Proben es bedurft hat, bis alles so gut sitzt. Es lassen sich ja auch längst nicht alle Tänzerinnen auf so etwas ein, vor allem die US-Amerikanerinnen halten sich vornehm zurück. Die Live-Kapelle gehört fest zum OTF dazu, und wir versprechen uns noch viele weitere tolle Klang- und Tanz-Erlebnisse.

v.l.n.r.: Hassan, Ali Baba, Adel, Ziyad, Dr. Nayed Taha und Mohamad Zaki
ERÖFFNUNGS-GALA (Samstag)

24 Stücke in drei Blöcken mit zwei Pausen dazwischen, das verspricht einen großen Abend. Alles beginnt mit der Kapelle, dem Orientalischen Orchester, das gleich in die richtige Stimmung versetzt. Sechs Herren sind mit Hammond-Orgel (Hassan), Akkordeon (Ali Baba), Geige (Adel), Flöte (Ziyad) und zwei Tablas (Dr. Nayed Taha und Mohamad Zaki) angetreten, und wir werden ihre sehr rhythmischen Klänge an diesem Abend noch öfter zu hören bekommen.

Schon tritt die erste Tänzerin zu den Klängen des orientalischen Sextetts an, Laila Naima gibt einen Raks Sharki voller Leidenschaft und Ausdrucksstärke. Ali Baba singt dazu, und schöner kann man es nicht mehr bekommen.

Erst jetzt erscheint Gabriele, die durch den Abend führen wird, und stellt sich vor. Nach Nikos Kazakos wirbeln Bouquet d’Orientale über die Bühne, Artemis’ aktuelles Projekt in Zusammenarbeit mit Azad Kaan. Die neun Damen präsentieren eine Mischung aus Folklore und modernem Pop und nennen dieses ebenso bunte wie hübsche Crossover „Oriental Jazz“. – Von Roxana erhalten wir eine Salsa Samba mit Elan und guter Laune vorgetragen.

Der polnische Weltstar Jamilah (während der nächsten zwei Jahre mit „Bellydance Evolution“ auf Welt-Tournee) verführt uns mit einem sinnlichen und leidenschaftlichen Tango Oriental. Gleich ob mit einzelnen zarten Gesten, oder wenn sie sich explosiv dreht, sie verlässt nie das Thema. – Eliran Edri Amar zeigt sich wieder vor allem leicht beschürzt.

Artemis tritt auf, natürlich in Begleitung der Live Band. Ihr Raks Sharki mit Schleier-Intro zeichnet sich durch Lebens- und Tanzfreude sowie Shimmy-Kaskaden aus. Auch bei ihrem zweiten Stück, einem Balady, bewundern wir wieder die Exaktheit ihrer Bewegungen, ihre phantastische Ausstrahlung und die Art, wie sie die Tänze interpretiert.

Letzte im ersten Block ist Tamar Bar Gil, die sich ebenfalls der Gelegenheit stellt, mit Live-Kapelle aufzutreten. Ihr Raks Sharki zeichnet sich durch kühne Dramatik aus.

Assale Ibrahim eröffnet die zweite Runde mit einem irakischen Zigeunertanz, und wir erfreuen uns an der schwungvollen Wildheit und Rhythmik ihrer Darbietung. Im Folgestück gibt es einen Khaleegy, und wohl niemand kann das lange Haar so unglaublich schnell drehen und schmeißen wie sie. – Die ungewöhnlichste Künstlerin des Abends dürfte Aepril Schaile sein, Astrologin, praktizierende Hexe und auch sonst keinem dunklen Thema abhold: Eine ganz in Schwarz gekleidete Puppe bewegt sich erst langsam und mechanisch, dies geht in Tanzbewegungen über, die aber nur mit den Armen ausgeführt werden, bis sie sich der dunklen Tücher entledigt und einen melancholischen Tribal Fusion tanzt. Eine nachdenklich stimmende, ausdrucksstarke Nummer.

Auf den eigenwilligen Tribal der Gruppe Sikudhani folgt Artemis’ Vorzeige-Truppe Oriental Amazones, bei der die Meisterin selbst mittanzt. Wie es sich für einen Zigeunertanz gehört, steht die Leidenschaft im Vordergrund, und es werden die langen Röcke gewirbelt, es wird fröhlich gejauchzt, und wenn man schon glaubt, noch schneller geht es nicht, wird man eines besseren belehrt. – Die Kapelle erscheint wieder hinter dem Vorhang, Ali Baba singt, und irgendwann taucht Laila Naima im Publikum auf und nähert sich Shaabi tanzend der Bühne. Was für ein gelungener Einfall!

Eine ambitionierte Darbietung erwartet uns jetzt, Beatrice Dobre verbindet klassische ägyptische Musik (natürlich nicht aus der Konserve, sondern von Ali Baba und den Seinen live gespielt) mit einer ganz eigenen Mischung aus Ballett, Modern und Orientalischem Tanz. So etwas bekommt man wahrlich nicht alle Tage geboten. – Den zweiten Block krönt endlich Azad Kaan, der mit seinem unnachahmlichen Show-Talent sofort das Publikum in seinen Bann schlägt. Er tanzt einzelne Personen im Saal an, bewegt sich dann zwischen den Tischen und Reihen und springt zum allgemeinen Jubel aus dem Stand auf einen Tisch. Der Mann kann nicht nur göttlich tanzen, er besitzt auch die seltene Gabe, sich selbst auf die Schippe nehmen zu können.

Die zweite Pause ist vorüber, und Antje Lossin macht jetzt den Anfang, die eigentlich auf der Open Stage hätte auftreten sollen, aber dann gleich in die Gala übernommen wurde. Nicht ohne Grund, denn ihr Raks Sharki ist flott und leichtfüßig.

Nikos Kazakos kommt uns nun mit einem Säbeltanz und leitet damit über auf die Oriental Amazones, Artemis’ Paradetruppe, die uns mit einem sehr phantasievollen Schlangentanz erfreuen.

Ein deutscher Welt-Star, Shalymar el Amar, mischt Ballett und Orientalischen Tanz zu Dub Step-Musik zu einem stimmungsvollen Ganzen, und man muß nicht lange raten, warum sie bei der neuesten BDE-Show dabei ist.

Noch einmal Azad Kaan, zuerst mit einem Khaleegy (geht auch mit Kurzhaar-Frisur), dann einem Saidi und endlich einem Drehtanz; eine ebenso wilde wie männliche Darbietung.

Der zweite Auftritt auch für Assale Ibrahim und damit endlich wieder Live-Musik (nebst Gesang von Ali Baba). Die Wahl-Schweizerin tanzt feurig und eingängig einen Balady, die den Ausgangspunkt für ein immer schneller werdendes Trommel-Solo bildet.

Und auch Tamar Bar Gil gibt sich ein zweites Mal die Ehre, ebenfalls zu Live-Musik und in der klassischen Mischung, sentimentaler Raks Sharki, gefolgt von einem Trommel-Solo, das sich nur zwischen ihr und einem ägyptischen Tablaisten abspielt. Beide treiben sich gegenseitig zur Höchstform an, es ist eine der seltenen Darbietungen, die man als Zuschauer über sehr lange Zeit nicht mehr vergisst.

Der Schluß-Auftritt des Abends gehört zwei jungen Männern, Saleh  Nagah & Ayman Etlah, die einen Doppel-Tanura hinlegen, der es in sich hat. Beide legen ein hohes Tempo vor, bringen ihre Röcke zum Leuchten, was der Akrobatik mit selbigen einen ganz eigenen Reiz verleiht, und balancieren als Zugabe den abgenommenen obersten Rock auf der Handfläche. So etwas haben wir noch nicht gesehen, und beim anschließenden Finale will der Beifall – für alle Künstler – kein Ende nehmen.
ABSCHLUSS-GALA (Sonntag)

Auch heute führt uns Gabriele durchs Programm, und wir erwarten voller gespannter Vorfreude, ob der zweite Abend das Niveau des gestrigen ersten haben wird.

Die Abschluß-Gala fängt so an, wie die Eröffnungs-Gala geendet hat, mit Saleh Nagah & Ayman Etlah nämlich, und zeigen uns etwas, das man sonst auch nur selten zu sehen bekommt, den Fischertanz „Bambuti“, zu dessen Eigentümlichkeiten es gehört, mehrere Löffel rhythmisch aneinander oder gegen bestimmte Körper-Partien zu schlagen. Zu diesem Volkstanz gehören aber auch wilde und wagemutige Sprünge und überhaupt viel gute Laune. – Irini Li weiß, mit einem Raks Sharki zu gefallen, der etwas traurig anfängt, dann aber immer rassiger und schneller wird.

Naheda hält ebenfalls einen klassischen orientalischen Tanz für uns bereit, dessen ergreifende Stimmung von ihren Isis-Flügeln nur noch unterstrichen wird. – Ins indische Fach entführt uns nun Beata ala Nar, und ihr Indian Fusion vereint Fröhlichkeit mit Tanzfreude.

Eine der Meisterinnen ihres Fachs gibt sich und uns die Ehre, Patricia vom Stamme der Perlatentia, mit einem Tribal Fusion ihrer ganz eigenen Art. Technisch perfekt und mit typischem Charme.

Bei Yasirah gehen Tango und das alte Police-Stück „Roxanne“ Hand in Hand und zum Ganzen kommt eine gelungene Mischung aus Tango und Tribal Fusion hinzu. – Und zum Abschluß des ersten Blocks noch etwas Ungewöhnliches: Can Can mit einer Mischung bunter Zutaten aus allen möglichen Genres, und weil das Ganze unter „burlesque“ firmiert, fängt Bseisa auch an, sich zu entblättern, ohne jedoch jugendgefährdend zu werden.

Der zweite Block beginnt mit den Siegerinnen der beiden Wettbewerbs-Kategorien, zuerst wiederholt Antje Maria Lossin als „Miss Belly Raks“ ihren Gewinner-Raks Sharki und verrät einiges Talent, dann kommt die hochschwangere Sha’waza und tanzt Fantasy, was ihr den Sieg einbrachte. Wir gratulieren noch einmal.

Selina-Yasira & Azhar Oriental schließen mit einem Oriental Fantasy an die Siegerehrung an, sind mit ihren Voi-Poi- und Schleier-Darbietungen aber eher ein Ensemble aus Solistinnen denn eine tanzende Gruppe, aber sie erschaffen tolle Figuren. –Eliran Edri Amars Tanz setzt sich aus einer Aneinanderreihung spiritueller Gesten und Posen zusammen.

Danach beglückt uns Roxana mit einem temperamentvollen Raks Sharki. – Jamilah haben wir gestern bereits bewundern dürfen. Ihr klassischer Raks Sharki ist geprägt von Glück und Freude; ebenso sinnlich und leidenschaftlich fällt bei ihr auch das anschließende Trommel-Solo aus.
Der dritte Block: Sora tanzt auch zu Live-Musik, doch hat sie ihren eigenen Trommler, Huy Hammer, mitgebracht, der außerdem Didgeridoo spielt. Wozu die für uns ungewohnten Klänge sie bewegen, ist eine Art Ausdruckstanz, auf dessen Höhepunkt sie sich Fetzen aus der Kleidung reißt. – Eine Rarität stellt der türkische Zigeunertanz dar, und den zeigt uns Naheda jetzt. Hier treffen sich rassig und Klasse, Ungestüm und Stolz.

Nadirah & Farha heißt ein Quartett, das uns mit Fächer-Schleiern (jede wirbelt deren zwei) erfreut. Ihre Wirbel- und Dreh-Figuren sind höchst anmutig. – Aus den USA kommt Aepril Schaile, und die gilt als eine der führenden Vertreterinnen der allerschwärzesten Abteilung im Tribal Fusion. So sind denn der Rahmen und das Beiwerk ihres Auftrittes stets genauso sehenswert wie ihr eigentlicher Tanz.

Patricia kehrt mit ihrem zweiten Stück zurück, das etwas langsamer beginnt und nur zum Schluß etwas schneller ausfällt. Ihr diesmal eher experimenteller Tribal Fusion besticht wiederum durch seine technische Vollkommenheit. – Und auch Shalymar el Amar dürfen wir noch einmal genießen. Ihr Oriental Fusion ist von Melancholie geprägt, und auch ihre Gestik drückt Verzweiflung aus.

Den Abschluß bilden, wie gestern, Saleh Nagah & Ayman Etlah, jeder mit zwei Stöcken bewaffnet. Temporeich und artistisch interpretieren sie zur allgemeinen Begeisterung den alten Hirtentanz. – Zum Finale sind wir alle restlos begeistert und freuen uns, zwei solche hochwertige Shows auf einem Festival gesehen zu haben.

Mit Artemis und dem OTF ist in Stuttgart etwas entstanden und gewachsen, was eine einzigartige Bereicherung der deutschen Bauchtanz-Szene darstellt. Mit dem OTF hat auch der deutsche Südwesten seinen festen Platz auf der europäischen Tanzkarte. Hier trifft man nicht auf die gerade modernen, in aller Munde angesagten Stars, die womöglich im nächsten Jahr schon wieder vergessen sind, sondern handverlesene Künstler, die ihr Genre prägen und die nicht von Festival zu Festival weitergereicht werden. Wir sind sehr neugierig, was uns dieses tänzerische Großereignis noch alles zu bieten hat.

Das 7. Orientalische Festival Stuttgart Global findet statt am 21. und 22. März 2015.

Grafik/WebDesign: Konstanze Winkler
Die Ehrung der "Miss Belly Raks" Siegerinnen