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Sway E’fey ist uns bei mehreren Veranstaltungen auf der Bühne begegnet, und immer ging von ihr etwas betörend Verzauberndes aus. Und wenn man dann jenseits der Bühne mit ihr redet, lernt man einen fröhlichen, gescheiten und angenehmen Menschen kennen. Dennoch ist ihr nicht alles in die Wiege gelegt worden, und sie hat sich in jahrelanger Arbeit die Position im deutschen Tribal Fusion erobert, die ihr zukommt. Wir wünschen ihr noch sehr lange ganz, ganz viel Erfolg und freuen uns, sie hier erstmals in einem großen Interview präsentieren zu dürfen.
"ES IST NICHT IMMER LEICHT,
ABER ES IST IMMER LOHNEND!"

Interview mit Sway E’fey

von Marcel Bieger

Erzähle uns bitte etwas über Dich, Deinen beruflichen und vor allem tänzerischen Werdegang.

Geboren bin ich in Köln, ich mag Katzen, dunkle Schokolade, alte Sagen, Märchen und Mythologie … ich bin Träumerin, Geschichtenerzählerin, „Fantasy-Besessene“ und habe keinen Orientierungssinn. Das beschreibt mich ganz gut. Ich finde es schade, daß wir uns in unserer Gesellschaft überwiegend über unseren Beruf definieren und definiert werden, obwohl dieser oft am wenigsten über uns aussagt. Ich habe in Neuro-Wissen-schaften promoviert  mit dem Schwerpunkt Kognition und Verhalten. Einige Jahre lang habe ich an der Uni als Dozentin und Forscherin im Bereich der experimentellen Psychologie gearbeitet und bin anschließend in die Industrie gewechselt.  Dort halte ich jetzt Beratungen und Schulungen über die Meßbarkeit von Verhalten ab.

Mit dem Tribalstamm „E'fey“ und meiner ersten Lehrerin Djiharra (Isolde Weber) hat 2006 meine Liebe zum Tribal angefangen. Vorher war ich schon in einigen Tanzrichtungen unterwegs, insbesondere Standardtanz und Musical Dance hatten es mir angetan.

2007 hatten wir mit „E'fey“ unseren ersten Auftritt in den Niederlanden, wo ich auf The Uzume und damit auf Tjarda van Straaten traf. Tjarda war meine Rachel Brice und mein Einstieg in den Tribal Fusion. Später habe ich in Apsara Habiba eine wunderbare Lehrerin in Köln gefunden und kurz darauf auch in ihrem Ensemble Bella Donna getanzt. Nur wenig später wurde ich von Shahrazad bei „Salomons Töchter“ aufgenommen und habe darüber hinaus auch in der Inszenierung von „Aladin und die Wunderlampe“ unter der Leitung von  Dr. Gamal Seif mitgewirkt.

Ich bin dann einige Zeit in der orientalischen Szene geblieben, weil ich mit Shahrazad und Gamal nicht nur großartige Lehrer, sondern auch wunderbare Märchenerzähler gefunden habe. So konnte ich mir ein breites Repertoire von OT, über ägyptische Folklore bis Bollywood aufbauen. Nach mehreren Jahren Impro Tribal Style mit E’fey (quasi „Fey-TS“) ) habe ich bei Anita Blake ATS® nach FCBD® „nachgeholt“ und durch sie, Jasmin Dohr sowie auf  vielen Workshops weltweit (von Rumänien über USA und England bis hin nach Italien) wieder zum Tribal Fusion zurückgefunden.

Du wirkst auch als Model, als Darstellerin, als sogenannte "Walking Act"-Künstlerin und du bist verheiratet, wie bringst du das alles unter einen Hut?

Alle meine Tätigkeiten haben eines gemeinsam, das Darstellen von Charakteren und Geschichten. Ich finde es in der Kommunikation und Interaktion mit anderen spannend zu beobachten, wie die Leute mit dem Charakter, den ich darstelle, umgehen und wie ich ihre Reaktion beeinflussen kann. Hier kommt die Verhaltensbiologin in mir durch. Ich folge meiner Leidenschaft. Es ist nicht immer leicht, aber es ist immer lohnend.

Mein Mann, meine Familie und auch meine Freunde teilen und unterstützen diese Leidenschaft. Wir sind ein Haufen kreativer Köpfe:  Larper, Kostüm-Designer, Kulissenbauer, Cosplayer, Schwertkämpfer, Schneider, Maskenbildner, 3d Artists, Tattookünstler…

Alle diese Einflüsse inspirieren natürlich auch meinen Tanz. Ich finde, die schönsten Dinge entstehen, wenn sich unterschiedlichsten kreative Leute treffen und austauschen.

Was hat Dich am Tribal/Tribal Fusion so sehr fasziniert, daß Du daran hängengeblieben und bist?

Angefangen habe ich mit Tribal, weil mich die Gemeinschaft und Stärke der tanzenden Frauen beeindruckt hat. Ich sehe Tribal Fusion als eine moderne Weiterentwicklung unterschiedlichster Tanzrichtungen an. Das bedeutet, daß ich hier meine Grundlagen aus der ägyptischen Folklore, dem orientalischen Tanz und dem ATS® mit meinen Erfahrungen aus  Musical Dance und Tanztheater mit neueren Einflüssen aus Modern Dance und Ballett fusionieren kann. Das gibt mir ein breiteres Bewegungs-Repertoire, um meine Geschichten zu erzählen, als es jede Tanzform für sich alleine tun könnte. Unsere Szene ist sehr aufgeschlossen gegenüber Tanztheater oder experimentelleren Stücken und gibt mir dennoch auch die Möglichkeit, immer wieder zu den Wurzeln zurückzukehren, sei es, dass ich ein Zimbel-  oder Trommelstück tanzen oder mich einer ATS-Darbietung anschließen möchte.

Zur besonderen Note Deines Tanzstils gehören auch eine deutliche Fantasy-Note, Du bist ohnehin sehr an diesem Genre interessiert. Was ist für Dich das Besondere an der Fantasy?

Fantasy ist leider ein Begriff, der in der Umgangssprache seine ursprüngliche Bedeutung verloren hat. Was den meisten Leuten dabei in den Sinn kommt, sind Einhörner, angeklebte Elfenohren und Orks. Fantasy ist für „Spinner“ und wird von vielen belächelt.

Was mich jedoch schon immer an dem Genre Fantasy begeistert hat, abgesehen davon, daß seine Wurzeln in alten Sagen und Märchen liegen, ist, daß der Vorstellungskraft keine Grenzen gesetzt sind. Das Fiktionale wird im irrealen Raum real. Wenn wir die Naturgesetze in unserem Gedankenspiel außer Acht lassen, kommen wir auf neue, größere Ideen. Was zunächst Fiktion ist, wird oft später durch Forschung Realität.

Viele Archetypen der Fantasy sind Bilder und Metaphern, die uns auf ihre  Art und Weise helfen, reale Menschen und Dinge zu beschreiben und zu verstehen. Märchen stellen einen Teil unseres kulturellen Gedächtnisses dar. In Form von Märchen und mythologischen Geschichten werden Ideen und Wahrheiten konserviert und überliefert.

Die enge Verbindung von Mythologie und Tanz auf der anderen Seite ist vermutlich so alt wie der Mensch selbst. Schon früh haben die Menschen durch Musik und Tanz versucht, die Götter zu beschwichtigen und Kontakt zu ihnen aufzunehmen. Ritueller Tanz findet sich in vielen Kulturen, nicht zuletzt in der indischen, die wiederum einen starken Einfluss auf den Tribal Fusion ausgeübt hat. Wenn ich in meinen Tänzen also märchenhafte und mythologische Motive nutze, um komplexe Themen sowie damit verbundene Gefühle zu verarbeiten und darzustellen, habe ich die Gewißheit auf meiner Seite, einer uralten Tradition zu folgen.

Du tanzt solo wie auch im Duo oder Trio (früher auch in einem Ensemble), und dein anpassungsfähiger Stil läßt sich sehr genau auf das eine wie das andere ein, wie bist du dahin gekommen.

Alle diese Varianten sind eine Form von Kommunikation, entweder mit den Mittänzern, dem Publikum oder mit beiden. Das erfordert Beobachtung, Analyse und Anpassungsvermögen. Wenn ich bei einem Gruppentanz zu sehr aus der Gruppe herausfalle oder im Solo die Aufmerksamkeit des Publikums verliere, habe ich an einem der drei Punkte nicht richtig gearbeitet. Das heißt, nicht “mein Stil“ paßt sich an, sondern vielmehr arbeite ich daran, mich soweit wie möglich einzufügen. Als Tänzerin im Restaurant bin ich eine andere als auf einem Mittelaltermarkt, in einem Musik-Video oder auf der Bühne einer Tribal Fusion-Veranstaltung.

Meinem Stil einen bestimmten Namen zu geben, hieße für mich, meine tänzerische Entwicklung einzuschränken. Wenn ich eine Choreographie erarbeite, befasse ich mich intensiv mit dem zu vertanzenden Thema, damit Bewegungen, Gestik, Mimik und selbstverständlich die Musik möglichst optimal meiner Vorstellung von der Rolle, die ich darstellen möchte, entsprechen.  Bei einem klassisch orientalischen Stück muss ich mir dabei ganz andere Fragen beantworten als bei einem Theatrical Fusion oder gar beim Modeln auf dem Laufsteg.

Was bedeutet der Text, was erwartet mein Publikum, was ist kulturell  angemessen und was  völlig unangebracht, in welchen Ländern und zu welchen Gelegenheiten wird dieser Stil getanzt? Was trägt mein Protagonist, warum ist er hier, was will er sagen, wie bewegt er sich?, Welches Make-up unterstreicht die Darstellung, welche Haltung wirkt aus der Fotoperspektive „real“, welche Materialen und Gewebearten benötigt mein Gewand?


Der Tribal Fusion hat vor allem im deutschsprachigen Raum eine rasante Entwicklung genommen und befindet sich mittlerweile an der Weltspitze. Du gehörst unbedingt zu den Großen im deutschen Tribal Fusion, und wir möchten dich um eine Stellungnahme bitten.

Ich empfinde den Tribal Fusion in Europa generell und insbesondere in Deutschland als sehr variantenreich und bunt. Dadurch, dass wir so eine interessierte und motivierte, sowie reisebereite Gemeinde haben, sind unsere Einflüsse auch sehr unterschiedlich, was mir gut gefällt. Gemeinsam reisen wir auf unterschiedlichste Festivals, lernen und lehren und unterstützen uns gegenseitig, um den Tribal Fusion voranzutreiben und bekannter zu machen. Ich versuche möglichst meinen Teil dazu beizutragen.

Was bekommen wir beim Black Forest Tribal Festival von Dir auf der Bühne zu sehen?

Ich werde eine anthropomorphe Interpretation des Raben Munin aus der nordischen Mythologie tanzen, der  personifizierten Erinnerung Odins. So lautet auch der Titel: „Munin, Tanz der Erinnerung“ Der Hintergrund läßt sich wie folgt zusammenfassen:

Odin, auch Hrafnáss genannt, Vater aller Menschen und Götter, ist  in menschlicher Form unvollkommen in sich selbst. Aber seine Schwächen werden durch seine Raben, Hugin (Geist) und Munin (Gedächtnis), die ein Teil von ihm sind, wieder wettgemacht. Bei Tagesanbruch entsendet er sie, um über die ganze Welt zu fliegen, und zur Frühstückszeit kehren sie zurück.  In der Edda (nordische Sagensammlung) heißt es, Odin fürchte, daß Hugin nicht nach Hause zurückkehre, doch mehr noch sorge er sich um Munin. Das ist ein Tanz über seinen kostbaren Munin, seinen Träger der Erinnerung.

Erzähl uns bitte etwas über deinen Workshop "Storytelling" im Schwarzwald, bei dem es, wie wir vermuten dürfen, ums tanzende Geschichtenerzählen auf der Bühne geht.

In diesem Workshop arbeiten wir mit Hilfe verschiedener fantastischer Figuren (Magierin, Fee, Kriegerin u.a.) an unserem Ausdruck und den verschiedenen Energien der unterschiedlichen Archetypen.

Ich führe die Teilnehmer in die Welt meiner Werkzeuge zum Kreieren von Kombinationen und effektvollen Posen, damit sie ihre eigenen Geschichten  tanzen und diese mit Präsenz und Ausstrahlung erzählen können. Dabei bediene ich mich aus  Erkenntnissen der experimentellen Psychologie und Techniken des Improvisationstheaters.

hier geht's zur Anmeldung:
https://tribal-festival.jimdo.com/festival-2017-1/workshops/sway-e-fey/

Was hast du noch alles vor, wo willst du noch hin, und wo siehst du dich in fünf Jahren?

In Köln-Weiden habe ich mir endlich einen Traum erfüllt und mein kleines Fey-Fusion-Studio eröffnet. Mein Tribal Fusion Anfängerkurs ist am 4. September gestartet, einen Fortgeschrittenenkurs wird es in Bälde auch geben. Ich freue mich immer über neue Gesichter, interessierte Tänzerinnen sind jederzeit herzlich willkommen. Mehr Informationen unter www.sway-efey.com/unterricht

Darüber hinaus habe ich einige spannende Kooperationen und Projekte in Planung, über die ich aber noch nicht so viel verraten möchte. Ich freue mich jedenfalls auf neue Tanzmärchen, diesmal sogar mit mehreren Tänzerinnen.

Schließlich habe ich, um bloß keine Langeweile aufkommen zu lassen, nun eine Ausbildung zur Pilates-Trainerin begonnen.

Man weiß nie wirklich, was noch kommen mag. Vielleicht fällt uns übermorgen der Himmel auf den Kopf oder die Túatha Dé Danann (die sagenhaften Landnehmer Irlands) holen mich endlich heim. Ansonsten sehen wir uns in 5 Jahren tanzend, träumend, schwimmend, webend, erzählend …


Sway E'Fey ist zu Gast beim 7. Black Forest Tribal Fest
in Wolfach (bei Offenburg)
20. - 22. Oktober 2017
https://tribal-festival.jimdo.com/
Samstag, 21. Oktober 2017, 15 - 17 Uhr
Photos ©: CU Photography, Amiyasart, Sway E'Fey