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Katerina Joumana stammt aus Moskau und hält sich zur Zeit zu Ausbildungszwecken in Wien auf. Mit viel Fleiß und Hingabe an den Tanz hat sie sich in die Welt-Spitzengruppe des OT vorgearbeitet, dabei ist ihre besondere Spezialität die Fusion verschiedener Stile.

Für die diesjährige WoO bringt sie die Kombination von Saidi und Trommelsolo mit. Lest jetzt, was sie über ihr spannendes Leben zu erzählen hat …
„DIE EINGEBUNGEN KOMMEN MIR AUS VIELERLEI QUELLEN“

Interview mit Katerina Joumana

von Marcel Bieger (auch Übersetzung)

Wie sind sich der Bauchtanz und du begegnet, und warum bist du an ihm hängengeblieben?

Vor vielen Jahren, als ich immer noch Ballett getanzt habe, habe ich im russischen Fernsehen eine Bauchtänzerin gesehen, die sehr professionell ein orientalisches Stück zur Begleitung durch ein großes russisches Orchester vorgeführt hat. Ich war sofort hin und weg. Die Frau war die vollkommene Weiblichkeit und eins mit der Musik. Einige Zeit später war ich mit einer Ballett-Compagnie auf Tournee in China und bin dort einem brasilianischen Choreographen begegnet, der auch als Bauchtänzer aufgetreten ist, verrückt, nicht wahr? Ich habe ihn gefragt, ob er Unterricht gäbe, und so ist er mein erster Lehrer geworden. Wir stehen heute noch in Kontakt miteinander. Wieder in Moskau habe ich bei mehreren tollen Lehrern Unterricht genommen (wie der Zufall so spielt, haben alle ägyptischen OT gelehrt), mich für Workshops eingetragen (was ich heute noch tue) und an Wettbewerben teilgenommen (ich bin siebenmal Siegerin gewesen, danach war es für mich genug). 2007 habe ich den Sprung ins kalte Wasser gewagt, meine Arbeit aufgegeben und die „Joumana Dance Company“ gegründet. Ich mußte ganz von unten anfangen und habe deswegen mit Solo-Auftritten Geld verdient und jeden Rubel in Kostüme, Videos, Studio-Miete und so weiter gesteckt. Wenn man eine Show vorbereitet, erwarten einen Aufgaben, mit denen man vorher nie gerechnet hätte, und man erlernt alle möglichen Berufe hinzu: von der Choreographin bis zur Buchhalterin, von der Kostümschneiderin zur Licht-/Ton-Ingenieurin; man entwickelt sich zur abgebrühten Geschäftsfrau und zur Psychotherapeutin für seine Tänzerinnen. Nach all den schweren Koffern, die man tragen muß, fühlt man sich wie eine Bodybuilderin, und zusätzlich ist man noch die Waschfrau, die nachts die Kostüme waschen und flicken darf. Und die eigene Wohnung verwandelt sich in das Heim für die Kostüme, während man selbst nur noch als Zugehfrau benötigt wird.

Ja, warum bin ich dabeigeblieben? Wegen der Shows, weil es toll ist, sie wachsen und gedeihen zu sehen. Aber natürlich liebe ich die Freiheit, die man ganz besonders beim Orientalischen Tanz genießt. Ich liebe die Musik und wie der Körper sich anfühlt, wenn er in der Musik aufgeht. Man kann eine eigene Geschichte erzählen und ganz man selbst sein.

Hast du eine Ausbildung in anderen Tanzstilen?

Ja, in klassischem Ballett, in Modern und Zeitgenössisch, in russischen und zentralasiatischen Volkstänzen und in etlichen internationalen Tänzen wie Salsa, Samba oder Tango. Ich beherrsche auch immer noch den Can Can und all die anderen „Moulin Rouge“-Sachen. Ich habe als Balett-Tänzerin gearbeitet und ansonsten meinen Master in Internationaler Außenwirtschaft gemacht, das aber nie beruflich umgesetzt.

Und wie bist du nach Österreich gekommen?

Das werde ich häufiger gefragt, und ich antworte für gewöhnlich: Mit dem Flugzeug. Nein, im Ernst, ich bin nach Österreich, um dort meine vierjährige Ausbildung am „Feldenkrais Method of Somatic Education“ zu absolvieren. Anfangs bin ich immer zwischen den beiden Ländern hin und her geflogen, aber nach zwei Jahren wurde mir das zu viel, und ich habe mich entschieden, es zu wagen, für eine Weile in Österreich zu leben.

Ich bin ein sehr wißbegieriger Mensch, kenne keine Vorurteile und wollte immer schon einmal im Ausland leben. Die internationale Atmosphäre hier in Wien ist traumhaft, meine Mitstudenten kommen aus fünfunddreißig Ländern in der ganzen Welt, und ich lerne immer wieder interessante Menschen kennen. Allerdings ist es doch nicht ganz so einfach, in ein fremdes Land zu ziehen und sich dort anzupassen, wie ich mir das am Anfang gedacht habe. Deswegen ging es auch nicht ganz ohne Frustrationen und Depressionen ab (und das hält an). Auf der anderen Seite liegt Wien in der Mitte Europas. Man kommt von dort überall hin, und ich kann jederzeit meine lieben Freunde und Kollegen in Moskau besuchen. Aber unter dem Strich hat der Umzug eindeutig mein Leben verändert, und seitdem fühle ich mich als Tänzerin und als Individuum gestärkt.

Trommelsolo und Saidi sind deine Spezialitäten, wie bist du darauf gekommen, sie miteinander zu verbinden?

Ich liebe den Saidi und das Trommel-Solo. Und meine große Leidenschaft gehört dem Fusionieren von Stilen. Vermutlich rührt das von der vielfältigen und gründlichen Tanzausbildung her, die ich in vielen Stilen genossen habe. Sobald ich eine Eingebung habe, kann ich nicht aufhören, daran zu arbeiten, bis ich das Endergebnis vorliegen habe, und das nenne ich dann gern Kunstwerk. 2006 habe ich so manchen Wettbewerb mit „Eigenkompositionen“ gewonnen. Ein Bespiel: in einem meiner ersten Solo-Tänze habe ich die „en pointe-Technik“ (wo die Tänzerin auf den Spitzen der Zehenspitzen steht) mit orientalischem Tanz verknüpft und eine Prise Humor hinzugegeben. Ein anderes Mal habe ich Zeitgenössisch mit OT-Tupfern versehen.

Es sei hier gesagt, daß ich den Raks Sharki sehr schätze, daß ich ihn sehr gern tanze und unterrichte. Dennoch erfordert es in meinen Augen viel mehr Mühe, Präzision, fachliche Grundlagen und auch Geld, um eine Fusion zwischen zwei Stilen zu erarbeiten.

Die Eingebungen kommen mir aus vielerlei Quellen; ein Wort, das man zufällig auf der Straße aufgeschnappt hat, eine Passage aus einem Musikstück, ein Bild oder eine Gefühlserfahrung. Für eine Fusion ist es ganz wichtig, eine Geschichte als Grundlage zu finden; was will man dem Publikum erzählen, was willst du mitteilen. Es reicht lange nicht, einfach zwei beliebige Musikstile zu nehmen und miteinander zu vermengen. Man muß auch sein eigenes Wesen offenbaren, und weil man das auf der Bühne tut, muß man sich auch an die dortigen Spielregeln halten. Danach steht die Frage des passenden Kostüms an. Für ein Fusion-Stück muß es schon etwas Besonderes sein und vor allem die zu erzählende Geschichte unterstützen. Manchmal kommt einem ein Accessoire in den Sinn, das gut zu dem Stück passen würde. Gelegentlich muß man auch ein paar ganz neue Schritte lernen oder sogar Unterricht in einem Stil nehmen, den man noch nicht beherrscht.

Wie steht der Bauchtanz heute in Rußland da?

Der Orientalische Tanz in Rußland hat eindeutig ein sehr hohes Niveau erreicht. Wir haben bedeutende Lehrer für traditionellen Tanz, die in Ägypten gelebt und gearbeitet haben und heute in Moskau unterrichten. Und wir haben Festivals mit vielen aufregenden internationalen Künstlern. In Rußland ist Tanz immer schon großgeschrieben worden, und wir tanzen gern, und sei es nur auf Festen und Feiern.

Was wirst du uns bei der World of Orient auf der Bühne zeigen?

Von mir gibt es ein Raks Sharki-Solo und dann noch zwei Stücke von der Joumana Dance Company. Beim ersten Stück tritt die Gruppe mit Fächerschleiern auf, und es liegt mir sehr am Herzen, weil ich ein persönliches Erlebnis damit verbinde.

2011 habe ich im Kaukasus den höchsten Berg dort, den Elbrus bestiegen. Aber nicht, weil ich Alpinistin bin, sondern um mich auf diese Weise von meinem Bruder zu verabschieden. Er war ein sehr erfahrener Bergsteiger und ein Jahr zuvor auf tragische Weise dort zu Tode gekommen. Ich habe sechs Monate lang so hart wie nie zuvor dafür trainiert. Der Elbrus ist 6548 Meter hoch und gilt als schwierig. Am Tag des Aufstiegs bin ich mit meinem Bergführer um zwei Uhr morgens in 4200 Metern Höhe aufgebrochen. Man muß den Westgipfel des Elbrus vor der Mittagsstunde erreichen, weil danach die Wetterbedingungen und die Vergletscherung ein weiteres Vorankommen fast unmöglich machen.
Wir hatten also keine Zeit zu verlieren und sind ohne Unterbrechung durch hohen Schnee, über Eisflächen und in völliger Dunkelheit marschiert. Es war eisig kalt, und ab einem gewissen Punkt spürt man die Hände und Füße nicht mehr. Das war schon etwas unheimlich, aber wir haben nicht angehalten, und mit einem Mal bot sich mir der unglaublichste Anblick meines Lebens. Ich sehe es heute noch so deutlich wie damals vor mir. Die Sonne ging am Horizont auf, und der Himmel verfärbte sich in rascher Folge von pechschwarz zu dunkelblau, dann in violett, rosa, orange und gelb. Und der gewaltige Elbrus warf einen Riesenschatten auf diesen Himmel. Ehrfurcht ergriff mich, als sei ich etwas Heiligem begegnet. Dieser Anblick allein schon machte alle Mühen und harte Arbeit wett. Als wir dann später oben auf dem Westgipfel standen, konnten wir ringsum weit ins Land blicken, so als säßen wir in einem Flugzeug und überflogen den Berg. Ich habe vor Glück gelacht und geweint und dann leise meine Abschiedsworte an meinen Bruder gesprochen. Zwei Wochen später habe ich eine wunderbare Musik von dem usbekischen Komponisten Sultanali Rachmatow gehört, und damit war das Stück geboren. Ich habe die Farben des Sonnenaufgangs am Elbrus – dunkelblau, violett und gelb – für die Kostüme ausgewählt. Mit diesem Tanz feiere ich die Schönheit der Natur und unseren ganzen wunderbaren Planeten.
Und was das zweite Stück meiner Gruppe angeht, da laßt euch mal überraschen.
Erzähl uns doch bitte mehr über deinen WoO-Workshop.

Bei diesem Festival gebe ich einen Kurs. Bei ihm erwarten euch intensive zwei Stunden. Eigens für Asmahan habe ich eine neue Fusion entwickelt, ein Trommelsolo mit Stock. Da erfahrt ihr einige Tipps und Tricks für den Umgang mit diesem Accessoire und einiges mehr über orientalische Tanz-Technik. Dazu kommt eine tiefgehende, aber auch verspielte Choreographie, die Elemente verschiedener Stile miteinander kombiniert. Sie eignet sich hervorragend dafür, die Menge zu fesseln, sei es auf einer Festivalbühne, in Wettbewerb, eine Privatfeier oder zusammen mit Freundinnen. Außerdem erhaltet ihr von mir sogenannte „Quick Fixes“ – letzte Kniffe – damit ihr nach ein paar kleinen und nicht schwierig durchzuführenden Kunstgriffen sehr professionell erscheint.

Welche Zukunftspläne hast du?

Als allererstes will ich nie aufhören zu lernen und dafür alle sich mir bietenden Möglichkeiten nutzen. Zum zweiten habe ich zwei wichtige Interessensgebiete: Tanzen-Auftreten-Choreographieren und Bewegung-Medizin-Gesundheitsverbesserung durch Bewußtseinsschaffung und Bewegung.

Beim künstlerischen Gebiet habe ich als höchstes Ziel, eine professionelle Theater-Show auf die Bühne zu bringen, in der die verschiedensten Stile, auch der Orientalische Tanz, eine Rolle spielen und die auf festgelegten Handlungssträngen fußt. Das Konzept steht bereits, aber zur Umsetzung bedarf es natürlich einer Menge Geld. Deswegen suche ich zur Zeit auch nach Investoren und Mäzenen. Die sind nicht so leicht zu finden, aber ich baue auf mein Glück.

Ich trete gern international auf, um zu tanzen und zu unterrichten, und das will ich fortsetzen, ebenso wie das Studium in Wien und die Arbeit mit meinem Ensemble.

 Das zweite Interessensgebiet ist eine Herzensangelegenheit. Im Laufe der Jahre habe ich eine Menge Erfahrung und Wissen auf verschiedenen Gebieten ansammeln können: beim Tanz, mit der somatischen Therapie, der Feldenkrais-Methode, bei Anatomie-Studien, der Zusammenarbeit mit Osteopathen, medizinischen Fachleuten und nicht zuletzt der Arbeit mit Studenten. Daraus habe ich ein Konzept für gesunde Bewegung und gesundes Tanzen entwickelt, welches ich meinen Schülerinnen nahebringen will. Darin werfen wir einen Blick auf die Anatomie, Kinesiologie, Neurobiologie und auf somatische Praktiken, um unsere Tanztechnik darauf einzurichten. Das Gebiet ist zu umfangreich, um es hier im Detail auszubreiten.

Und dann gibt es noch ein Projekt, für das ich finanzielle Unterstützung suche: Bewegung mit Menschen, die an neurologischen Störungen leiden. Ich empfinde die Zusammenarbeit mit Neuro-Wissenschaftlern und die jüngsten Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Formbarkeit des Gehirns höchst faszinierend, und wenn wir da einen Durchbruch in unserem Verständnis davon, wie Bewegung gesunden Menschen wie auch solchen hilft, die unter den verschiedensten Störungen leiden, wäre das doch ein erstrebenswertes Ziel.

Alles in allem möchte ich auf diesen Gebieten so viel wie möglich beitragen. Ich bin dem Leben sehr dankbar, mir solche Möglichkeiten eröffnet zu haben.

Homepage:
http://www.joumana.ru/

Katerina Joumana bei facebook ...

Katerina Joumana
ist zu Gast auf der
WORLD OF ORIENT
10. - 12. März 2017 in Hannover
und sie tanzt auf der Samstag-Gala!

Ihr Workshop
“SHOW DRUM SOLO” findet statt am Samstag, 11. März, 10:00 – 12:00h.
Infos unter
www.world-of-orient.de
Photos: Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Katerina Joumana