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Helene Skaugen ist zu Gast bei

Leyla und Roland Jouvanas  24. Orientalischen Festival Europas
am 26./27. November 2016 in Duisburg
Infos und Workshopanmeldungen:
www.leyla-jouvana.de
Photos © André Elbing, Frederick Kihle, Bellis Photoservice, Francesco Lipartiti , Robert Williamsen
Graphics/WebDesign: Konstanze Winkler
Norwegen liegt im hohen Norden und hat eine kleine, aber feine Tanz-Szene. Eine ihrer wichtigsten Vertreterinnen ist Helene Skaugen, die wir in diesem Jahr zum ersten Mal bei Leyla und Roland Jouvana begrüßen dürfen.

Norwegische Künstler sind bei uns nicht gerade oft zu sehen, und warum das so ist, das erzählt uns gleich Helene im Interview. Sie hat ihre eigene Tanzschule, ist seit 15 Jahren im Geschäft, kann wunderbar erzählen, und wir rufen: Velkommen Helene!
“FREUT EUCH AUF DEN SPASS!”

Interview mit Helene Skaugen

von Marcel Bieger (auch Übersetzung)

Was hast du getan, bevor der Bauchtanz dir begegnet ist? Warum hast du dich in ihn verliebt? Welche anderen Tanzrichtungen hast du gelernt, und beeinflussen die deinen Bauchtanz-Stil?

Ich habe immer gern getanzt, aber nie geglaubt, daß ein etwas zu kurz geratenes und etwas zu kurviges Mädchen wie ich einmal meinen Lebensunterhalt damit bestreiten würde. Deswegen beschloß ich, Anwältin zu werden. Na, eigentlich wollte ich zuerst Kiosk-Besitzerin sein, damit ich so viele Süßigkeiten essen konnte, wie ich nur wollte, und nicht einmal dafür bezahlen müßte. Ich habe dann aber doch angefangen, Jura zu studieren, mir es aber nach ein paar Jahren anders überlegt und auf Graphik & Design umgesattelt.

Kommen wir auf den Tanz zurück. Den habe ich immer geliebt. Im Alter von vier oder fünf Jahren habe ich Ballett-Unterricht genommen. Meine Lehrerin hat mir ziemlich rasch geraten, es doch lieber mit Disco-Jazz zu versuchen. Ballett kam mir ohnehin langweilig, lahm und starr vor, und so glaubte ich, der Wechsel käme gerade recht. Also standen jetzt Disco Jazz, “Swedish Bugg” (Swing-verwandt, aber ohne Choreographie oder Akrobatik, Anm. d. Red.) und Lateinamerikanisch an. Als ich etwas älter war, habe ich vier- bis sechsmal in der Woche getanzt und an Turnieren teilgenommen. Mit 12 nahm ich als Mitglied der schwedischen National-Mannschaft an Disco Tanz-Ausscheidungen teil. Ich wurde für eine Revue als Tänzerin ausgewählt und kam mit einigen anderen Tanzstilen in Berührung, wie dem Boogie Woogie, der mir auf Anhieb bestens gefallen hat.

Dann habe ich ein Jahr in Australien verbracht und dort Unterricht in Step-Tanz, Jazz und Ballett genommen. Dabei kam es auch so weit, daß ich Kindern Ballett beigebracht habe – wie das Leben manchmal so spielt. Danach bin ich zurück nach Norwegen und habe mich wieder dem Disco Jazz zugewandt. Es standen immer noch Wettbewerbe an, doch diesmal bin ich für die norwegische Mannschaft angetreten. Anscheinend liegt es mir im Blut, mich in Wettbewerben mit anderen zu messen. Ich kämpfe mich am liebsten zu einem Ziel vor, und noch besser ist es, wenn ich dafür meine eigenen Grenzen überwinden muß. Nur im Bauchtanz habe ich mich nie einem Wettbewerb gestellt. In dieser Zeit habe ich auch in der norwegischen Tanzschule unterrichtet, in der ich gelernt hatte, und irgendwann unterstanden mir zwei Tanzabteilungen in Oslo und ich habe mich auf die Prüfung zur Juristin vorbereitet.
1996 bin ich für ein Jahr in die Türkei gezogen und habe in einem  dortigen Fünf-Sterne-Restaurant als Show-Tänzerin gearbeitet. Wir sind jede Woche an sechs Abenden aufgetreten. Alle vierzehn Tage ist eine Bauchtänzerin gekommen … und damit war es um mich geschehen. Liebe auf den ersten Blick! Mir hat alles daran auf Anhieb bestens gefallen: die Musik, die weiblichen Bewegungen, die Kostüme und die Zimbeln. Sie hat sich bei uns in der Garderobe umgezogen, und da habe ich mich zu ihr geschlichen und sie gebeten, mir ihre Tänze und das Zimbelspiel beizubringen. Die Dame konnte mir keinen Unterricht geben, aber sie hat mit den Zimbeln geklimpert und mir gesagt, ich solle ihre Bewegungen einfach nachmachen. “Das wirst du schon noch lernen”, hat sie meine Bemühungen kommentiert, und vermutlich hat sie recht behalten.

Nachdem ich wieder in Norwegen war, habe ich das Studium wieder aufgenommen und mich mit drei Jobs über Wasser gehalten. Zum einen habe ich Chat Lines überwacht, um darauf zu achten, daß alles legal blieb. Das ist mir nach einige Zeit dermaßen auf den Zeiger gegangen, daß ich mir das Branchen-Verzeichnis vorgenommen, bei einem türkischen

Restaurant in Oslo mit Namen “Avanos” angerufen und gefragt habe, ob sie eine Bauchtänzerin bräuchten. Ich hatte zwar noch keine einzige Stunde Unterricht hinter mir, aber meine Mutter hat mir immer gesagt, “Kind, du bist gut, du schaffst das schon.” Natürlich habe ich ihr geglaubt, denn schließlich haben Eltern doch immer recht, oder? Ich durfte dann zum Vortanzen kommen, und sie haben mir angeboten, dreimal in der Woche bei ihnen aufzutreten.
Da saß ich also hinter der Theke, habe zwischen den Auftritten in meinen Lehrbüchern gebüffelt und habe dann längere Stücke getanzt als je wieder in meinem Leben. Und drittens habe ich in der Tanzschule, in der ich gelernt hatte, Bauchtanz-Unterricht gegeben. Irgendwann fielen mir positive Veränderungen an meinem Körper auf. Er tat mir nicht mehr andauernd hier oder da weh. Und etwas später kämpften dann zwei Seelen in meiner Brust: Disco Jazz und Bauchtanz. Und irgendwie ging es mir auch gehörig gegen den Strich, wie unkontrolliert meine Schülerinnen herumgehampelt haben. 1997 habe ich bei den norwegischen Meisterschaften die Gold-Medaille gewonnen, und danach war für mich Schluß mit den Wettbewerben. Das war auch das Ende des Disco Freestyle. Ich habe die Tanzschule verlassen und bin zu anderen Studios gegangen, um dort zu unterrichten. Von nun an wollte ich mich ernsthaft mit dem Bauchtanz auseinandersetzen. Ich nannte mich selbst Bauchtänzerin statt Orientalischer Tänzerin, denn ich befand mich ja immer noch auf dem Niveau einer Restaurant-Tänzerin und gab lediglich im Bauchtanz Unterricht. Keine Folklore und so weiter. Außerdem mag ich den Ausdruck Bauchtänzerin immer noch, für mich ist da nichts Negatives dran.

Und eines Tages ist mir aufgegangen, daß ich die Juristerei sehr mochte, den Tanz aber noch viel mehr. Also gab ich die Rechtslehre auf und wandte mich einem mehr künstlerischen Fachgebiet zu, der graphischen Gestaltung. So etwas paßte ja auch viel besser zu meinem Tanz, sagte ich mir. Ich habe darin sogar einen Abschluß gemacht, aber wie es eben so geht, wenn man in irgend etwas wirklich gut sein will, muß man sich voll und ganz darauf konzentrieren. Und so bin ich eben Vollzeit-Tänzerin geworden.

Wahrscheinlich haben alle mein anderen Tanzeinflüsse sich auf meinen Bauchtanz ausgewirkt. Vermutlich haben sie ihn aber anfangs stärker beeinflußt als heute. Ich setze bei meinen Auftritten gern Humor ein, erzähle Geschichten, und am liebsten tanze ich bei großen Veranstaltungen auf großen Bühnen.

Erzähle uns doch bitte etwas über die norwegische Bauchtanz-Szene, über die wir viel zu wenig wissen.

Die norwegische Tanz-Szene blüht und gedeiht. Sie hat sich aus sehr kleinen Anfängen vor 25 Jahren entwickelt. Vor allem mit Wochenend-Workshops von ausländischen Künstlerinnen. Ulrika Hellquist aus Schweden war eine der ersten, und einige Tänzerinnen haben sich davon ermutigen lassen, sich woanders fortzubilden, und viele von ihnen sind für länger nach Ägypten gegangen. Ich war damals nicht in Norwegen und habe das deswegen nicht hautnah miterlebt. Andere haben sich mittels Videos weiterentwickelt und sind nach Schweden gefahren, wo die Entwicklung damals weiter war als bei uns.

Einige haben 1996 die “Al Farah Oriental Dance Association” gegründet und ein gleichnamiges Magazin herausgegeben. Da haben sie dann woanders Photos ausgeschnitten, Artikel über ihre Erfahrungen geschrieben und Künstler portraitiert. Später haben sie einmal im Jahr einen Künstler eingeladen, der auch Workshops gegeben hat.

Das waren magische Veranstaltungen und der Höhepunkt des Jahres. Mein erster Workshop dort war bei Raqia Hassan. Mohammed Abou Shebika aus Schweden war oft bei uns und hat viel zum Wachstum unserer Szene beigetragen. Er hat seine Freunde und Bekannten aus Ägypten zu uns geholt und mit Al Fahrah zusammengearbeitet. Hilde Lund, die lange Zeit in Ägypten verbracht hatte, eröffnete schließlich die erste Tanzschule für Orientalischen Tanz in Oslo. Und man sollte auch noch Lee Figenschow nennen, die vom Theater kam und uns außerdem Disziplin beibrachte. Norwegen hatte großes Glück, mit solchen Pionieren zu beginnen. Deswegen fingen wir gleich auf hohem Niveau an, und viele Schülerinnen bekamen eine solide Grundlage mit auf den Weg, die sich ihrerseits zu guten Tänzerinnen mit Respekt vor ihrer Kunstform entwickelten.
Als ich dann eines Tages zu der Szene stieß, traf ich fast nur auf Tänzerinnen mit einer ägyptischen Ausbildung. Auf mich mit meinem türkischen Hintergrund blickten sie eher herablassend. Ich tanzte bereits seit drei Jahren in Restaurants und gab ebenso lange Unterricht, bis ich entdeckte, daß es außer mir noch weitere Bauchtänzerinnen bei uns gab. Aber die gaben sich allesamt mit ägyptischem Bauchtanz und ägyptischer Folklore ab. Türkischer Bauchtanz kannten sie nur als etwas, das schlecht oder gar nicht ausgebildete Tänzerinnen in Restaurants aufführten, und denen lief der Ruf voraus, recht vulgär zu sein und nicht mit ihren Reizen zu geizen.

2005 übernahm Majken Wærdahl die Initiative und gründete die “Divas of Bellydance”. Dazu gehörten fünf weitere Tänzerinnen, darunter auch ich, die lud sie zu einem Arbeitstreffen ein, wo wir Gruppen-Choreographien und Shows entwickelt haben, die darauf abzielten, ein größeres Publikum anzusprechen und überhaupt damit Geld zu verdienen. So weit ich weiß, war das die erste und bislang einzige Truppe, die sich rein aus professionellen Tänzerinnen zusammengesetzt hat. Als Solisten waren wir alle erfolgreich, aber gemeinsam haben wir etwas Einzigartiges erschaffen. Wir sind im Fernsehen aufgetreten, in den großen Illustrierten vorgestellt worden und was der Werbung mehr war. Und es ist uns gelungen, den Blickwinkel wieder darauf zu richten, daß mit Bauchtanz Geld verdient werden kann.
Heute sind wir eine beachtliche Gemeinde mit mehreren Tanzschulen und Vereinen im ganzen Land. Ich habe mein Studio, “Studio Orient”, 2005 eröffnet, und es läuft immer noch gut.
In Oslo gibt es zwei Festivals und einen Wettbewerb pro Jahr, drei oder vier Restaurants mit Tänzerinnen am Wochenende und etwas 15 berufsmäßige Tänzerinnen. Im ganzen Land gibt es etwa ein halbes Dutzend Organisationen, die Workshops mit Dozenten von außerhalb veranstalten. Wir haben keinen einzigen Laden, der Bauchtanz-Bedarf vertreibt, aber es gibt einige Tanzschulen, in denen man Kostüme und Zubehör erwerben kann. Dazu muß man erwähnen, daß Norwegen nur fünf Millionen Einwohner hat im Gegensatz zu Deutschland mit seinen 81 Millionen.

Die Tänzerinnen finden ihren eigenen Stil, und niemand schaut mehr scheel auf den türkischen Bauchtanz. Ich schmeichle mir gern mit der Vorstellung, daß meine zehn Jahre Unterricht in Roma Havasi, Ciftetelli, Bodenarbeit und Bauchtanz etwas dazu beigetragen haben. Wir sind keine ausgesucht große Szene, aber wir haben einige sehr tolle Tänzerinnen, und deswegen bin ich sehr stolz darauf, norwegische Bauchtänzerin zu sein!

Du scheinst in der norwegischen Tanz-Gemeinde eine herausragende Rolle zu spielen, wie bist du dorthin gelangt?

Ich glaube, verschiedene Gründe spielen dafür eine Rolle. Zum ersten bin ich eine der ganz wenigen hauptberuflichen Tänzerinnen in Norwegen, und noch weniger werden, wie ich, auch international gebucht. Zum zweiten betreibe ich das größte Tanz-Studio in Norwegen mit über 500 Quadratmetern und über hundert Schülern. Und drittens war ich die erste, die über den türkischen Tanz bescheid wußte. Ich ermögliche es auch anderen Tänzern, bei mir zu unterrichten. Zur Zeit habe ich drei weitere Lehrerinnen und einen Trommler, die wöchentlich bei mir Stunden geben. Meine Schülerinnen-Gruppen sind schon in Botschaften, auf Festivals und bei Al Farah-Shows aufgetreten.

Ich plane und leite auch das “Oslo Oriental Dance Festival” and “Dancer Of The Year”, den einzigen Wettbewerb in Norwegen. Der ist aus einem Projekt entstanden, eine visuelle Plattform für den norwegischen Bauchtanz zu schaffen. Zu beiden lade ich auch Gäste ein, weil ich nicht möchte, daß nur meine Schülerinnen auf- und antreten. Eine Gemeinschaft braucht Nachwuchs, denn ich bin der festen Ansicht, daß Isolation das Wachstum hemmt. Nicht jede muß ihr Herz für den Tanz entdecken, bloß weil sie einen Auftritt von mir sieht; es reicht doch, wenn sie wegen einer anderen Tänzerin das Bauchtanz-Fieber bekommt. Hauptsache, sie stößt dazu, denn nur so wächst eine Szene. Der Wettbewerb sollte ursprünglich in erster Linie Amateure ermutigen. Sie erhalten eine schriftliche Bewertung von den Punktrichtern, und ihre Preise haben alle etwas mit dem Tanzunterricht zu tun. Heute steht der Wettbewerb allen offen, auch internationalen Stars.

Als ich zu der Szene gestoßen bin, gab es nur eine Handvoll Tänzerinnen, die öffentlich aufgetreten sind. Also kannte jede jeden. Ich war auch sechs Jahre im Vorstand von Al Farah tätig und habe meine Ausbildung für die graphische Gestaltung des Magazins eingebracht. Aber so richtig respektiert hat man mich erst, als ich Gründungsmitglied von den Divas of Bellydance geworden bin. Wir sind viel aufgetreten, haben aber auch zweimal eine Tournee durch Norwegen unternommen. Bei der ersten Show, “An Arabian Dream” haben wir die ganze Bandbreite des Genres zeigen wollen. Bei der zweiten Tournee, “Moods of Egypt”, die ein paar Jahre später startete, ging es etwas ruhiger zu.

Wir haben Volks- und orientalische Tänze aufgeführt, auch türkischen Bauchtanz und Zigeuner-Tänze, aber diesmal durfte jede sich selbst ausleben. Alle “Divas” haben bei möglichst vielen Tänzen mitgemacht, und so wurden wir zu Vorbildern für unsere Schülerinnen.

Ich bin auch schon im Fernsehen aufgetreten, in Tanz- und Talent-Shows. Letztes Jahr habe ich mir dann ein Herz gefaßt und mich bei “Norway’s Got Talent” beworben. Ich habe es immerhin bis in die Live Shows geschafft, und nach mehr stand mir auch nicht der Sinn.

Wenn wir uns nicht irren, ist dies dein erster Auftritt bei einem großen deutschen Festival. Warum hat das so lange gedauert, und was erwartest du von Deutschland?

Ich glaube, es hat deswegen so lange gedauert, weil ich eine Weile gebraucht habe, um in die internationale Bauchtanz-Arena aufzusteigen. Schließlich habe ich nie danach gestrebt und war ganz zufrieden damit, vom Bauchtanz in Norwegen leben zu können.

In den letzten fünfzehn Jahren habe ich allein vom Bauchtanz gelebt. Als ich 2005 mein “Studio Orient” eröffnet habe, war das natürlich ein finanzielles Risiko und hat mich auch sonst voll und ganz gefordert. Wenn man die Miete bezahlen muß und sich in Stadt und Land einen Namen machen will, bleibt nicht viel Zeit, ins Ausland zu reisen. Außerdem ging und geht es mir hier doch gut. Ich bin alljährlich zum (schwedischen) Stockholm Bellydance Festival gefahren und dort aufgetreten, und ich bin ein- oder zweimal im Jahr in die Türkei gereist, um mich dort fortzubilden und manchmal auch, auf der Bühne zu stehen.
Außerdem sollte man wissen, daß es hier oben in Skandinavien das Phänomen des sogenannten “Janteloven” gibt; grob übersetzt: das Gesetz der Gleichheit. Jeder hier kennt und befolgt es, und das mag auch einer der Gründe dafür sein, warum norwegische Tänzer international so wenig vertreten sind. “Janteloven” bedeutet, daß es als unfein gilt, von sich selbst als der Besten oder der Größten zu sprechen. Wir sprechen eher bescheiden von unseren Fähigkeiten und Errungenschaften. In der internationalen Bauchtanz-Gemeinde scheint man hingegen für sich werben und ein Banner schalten zu müssen, um auf sich aufmerksam zu machen. Damit haben viele von uns zu kämpfen, und ich fühle mich auf manchen internationalen Veranstaltungen ab und an unsichtbar. Bei uns gehört Angeben nicht zum guten Ton. Wenn man anderen erst durch viele Worte klarmachen muß, wie gut man ist, kann es mit den tatsächlichen Fähigkeiten nicht so weit her sein. Na gut, als Bauchtänzerin muß man etwas aus sich herausgehen, und vermutlich sind wie nicht ganz so bescheiden wie die anderen Norweger. Aber im internationalen Vergleich liegen wir ganz schön zurück. Vielleicht könnt ihr euch jetzt auch vorstellen, wie unangenehm mir die vorherige Frage gewesen ist.

Aber es gab nicht nur tänzerische Gründe, die mich zurückgehalten haben. Ich wollte unbedingt Mutter werden. Es hat uns ein paar Jahre gekostet, bis ich endlich schwanger geworden bin, aber heute habe ich einen wunderbaren siebenjährigen Jungen. Wenn man unbedingt schwanger werden will, zehrt das ganz schön an den Kräften, und geistig kann man sich auf nichts anderes mehr konzentrieren. Und dann tatsächlich ein Kind zur Welt zu bringen, ist auch nicht ohne. In den ersten zwei Jahren wäre ich am liebsten nur zuhause geblieben und hätte mein Baby geküßt.
Für eine Tänzerin bedeutet es auch eine ganz schöne Umstellung, wenn sich der eigene Körper ständig verändert und man seinen neuen Schwerpunkt finden muß. Ich habe Monate gebraucht, ehe ich wieder Shimmies tanzen konnte, von meinem Selbstvertrauen ganz zu schweigen. Meinen ersten öffentlichen Auftritt nach der Geburt hatte ich mit der Metal Band “Kamelot” in einem ihrer stets ausverkauften Konzerte. Also nicht gerade ein Auftritt vor kleinem Haus. Ich habe die Jungs überreden können, am ersten Abend eine Kollegin mitbringen zu dürfen, damit sie wenigstens mit einer
anderen Bauchtänzerin weitermachen konnten, wenn sie mit mir nicht zufrieden wären. Soviel zu meinem noch nicht ganz zurückgekehrten Selbstvertrauen. In jener Zeit wurde Glitzer-Spray mein ständiger Begleiter.
In den letzten Jahren bin ich viel mehr herumgereist als früher. Ich habe einfach auf Anfragen zugesagt, nachdem ich früher alle unbeantwortet gelassen hatte, weil einem als junger Mutter der Sinn gewiß nicht nach Reisen steht. Aber nachdem ich nun in Singapur, Istanbul, London und anderen Städten aufgetreten war, entzündete sich in mir ein neues Feuer. Ich habe so viele wunderbare und einmalige Menschen kennengelernt, daß ich jetzt gern zu Festivals fahre. Ich lerne ständig neue Dinge, und ich erhalte Einblicke in andere Tanz-Gemeinden.

2013 war ich zum ersten Mal in Deutschland, und zwar bin ich auf der “Orient Expo” als Tänzerin und als Jurorin aufgetreten. Mein erster Eindruck war: “Mann! Was haben die hier in Deutschland für eine große Bauchtanz-Szene!” Bei euch gibt es so viele Läden, so viele Tänzer und so viele Veranstaltungen, einfach unfaßbar!” Ich freue mich deswegen schon auf ein großartiges Festival in einer warmherzigen Atmosphäre und mit Workshops auf höchstem Niveau. Ganz ehrlich gesagt mag ich die Veranstaltungen nicht, zu denen alle kommen, um gesehen zu werden, aber kein Mensch was für sich lernen will.

Diese Eitelkeit schadet dem Grundgedanken von Festivals, nämlich Spaß und Freue zu machen. Wir kommen doch alle zusammen, weil wir den Tanz lieben, weil wir das Zusammensein genießen und weil wir etwas voneinander lernen können.
Deswegen ja, ich freue mich sehr auf mein erstes großes Festival in Deutschland. Ich glaube, Deutsche und Norweger haben eine Menge gemeinsam und stehen sich kulturell sehr nahe. Ich hatte das Vergnügen, deutsche Teilnehmer bei meinen Workshops in Istanbul und auf Kreta zu haben, und mit ihnen hat es besonders viel Spaß gemacht. Außerdem habe ich schon eine Menge guter Dinge über Leylas Festival gehört. Es heißt, daß OFE seit ausgezeichnet organisiert und auf hohem Niveau. Darum bin ich schon mehr als aufgeregt, dabeisein zu dürfen und fühle mich wegen dieser Ehre zu tiefem Dank verpflichtet.
Was bekommen wir von dir auf der Bühne zu sehen?

Zwei orientalische Tänze, aber beide unterschiedlich voneinander. Zum ersten einen klassischen Madjensi und zum zweiten etwas Erdigeres, Lebenslustigeres. Für meinen dritten Auftritt arbeite ich noch an einem neuen Projekt und hoffe, damit rechtzeitig fertigzuwerden. Also, laßt euch überraschen!
Und was bringst du uns in deinen Workshops bei?

Ich unterrichte zwei Kurse. Im ersten, “Entrée wie eine Königin”, arbeiten wir ziemlich gründlich daran, einen phantastischen Einstieg in den Auftritt hinzubekommen. Das Entrée ist für mich von größter Wichtigkeit, denn mit ihm wird klar, in welcher Stimmung der Auftritt vonstatten geht, und zusätzlich erhält das Publikum den ersten Eindruck von mir; wir alle ja wie wichtig der erste Eindruck ist. Schließlich ist es ja von größter Bedeutung, die Aufmerksamkeit des Publikums nicht mehr loszulassen. Der Schlüssel dafür steckt in der Energie, der Verbindung und manchmal auch das Überraschungsmoment, hervorgerufen durch unerwartete Schritte oder Brüche. Ich glaube, viele Tänzerinnen unterschätzen die Bedeutung des Eintritts und tun das als bloßen Moment ab, auf die Bühne zu kommen, ehe der eigentliche Tanz beginnt.

In Wahrheit ist er aber das erste “Hallo”, das man sagt. Stellt euch vor, ihr befindet euch mit jemandem im Gespräch, der oder die euch nicht ins Gesicht sehen kann oder euch nur einen schlaffen Händedruck gibt (“Fisch”-Händedruck nennen wir das bei uns). Das ist so ziemlich das gleiche wie ein verpatztes Entrée. Wenn wir mit jemandem kommunizieren, dann auch mit unserer Mimik, unserer Energie und unserer Gestik. Wenn wir also nicht so richtig an der Kommunikation interessiert sind, verliert auch das Publikum rasch das Interesse.
Am Sonntag gebe ich meinen zweiten Workshop, dann über türkischen Zigeuner-Havasi. Um mehr darüber zu verstehen, muß man sich etwas in der Geschichte und Kultur der Zigeuner auskennen; nur so kann man diesen Tanz mit dem richtigen Ausdruck und Gefühl vortragen. Dann möchte ich etwas Klarheit in die Verwechslungsgefahr bringen, die zwischen Zigeuner-Havasi, Karsilama und 9/8 herrscht. Der Karsilama ist ein türkischer Volkstanz im 9/8-Takt. Die türkischen Zigeuner haben dagegen ihren eigenen Stil und 9/8-Takt. Und die Griechen haben, nebenbei bemerkt, wiederum ihre eigene Form des Karsilama.

Wir beschäftigen uns in meinem Kurs aber nicht nur mit dem Karsilama, sondern vor allem mit dem eigenen 9/8-Takt der Zigeuner. In ihm stehen den Frauen mehr Gesten zur Verfügung, und die Männer erwartet mehr Fußarbeit. Zu den Gesten gehört es, das Spielen von Instrumenten, von einer Begrüßung, “den Bauch hochzuwerfen” (throwing the stomach) und anderes nachzuahmen.

Wir machen uns mit dem langsamen 9/8 vertraut, den man im Türkischen “agir roman”) nennt, und mit dem schnelleren. Wir üben einige der gebräuchlichsten Gesten und Fußbewegungen ein und haben dabei jede Menge Spaß. Vielleicht denkt ihr jetzt, ich sei eine richtige Bauchtanz-Fachidiotin, aber dem ist ganz gewiß nicht so. Doch ist mir dieses Thema sehr wichtig, aber man sollte darüber nicht vergessen, daß es bei diesem Tanz in der Hauptsache darum geht, sich völlig frei zu geben, zu zeigen, was in einem steckt, den Gefühlen freien Lauf zu lassen, sich an der Musik zu erfreuen und miteinander zu tanzen. Also, freut euch schon auf großen Spaß!
WORKSHOPS mit HELENE SKAUGEN

Sa., 26.11., 11:15 – 13:15 Uhr
Enter like a Queen
Dynamisches elegantes und innovatives Entrée & fesselnde stage presence. Zahlreiche Schritt- Kombis, wie z. B. Chassé, "stork", Arabesken und unerwartete Moves & Drehungen. Mit Haltung, Spannung und Ausdruck die Zuschauer in den Bann ziehen! Nach diesem WS kennt Ihr alle Tricks , wie alle Augen NUR auf EUCH gerichtet werden!
Level: ab Mittelstufe

So., 27.11., 09:15 - 11:15 Uhr
Turkish Roman Gypsy - Karshliamar
Einführung in den Roman Oyun Havasi, dem Tanz der Turkish-Roma und ihrem charakteristischen 9/8 Ryhthmus. Typische Beinarbeit, Gestik, Basischritte sowie spaßige und passionierte Kombis.
Open level

Homepage: www.helene.no
Helene bei facebook ...
Foto re (v.l.n.r.): Die Divas of Bellydance: Michelle Galdo, Lee Figenschow, Helene Skaugen, Majken Wærdahl, Hilde Lund
Einer von Helenes ersten Auftritten