Startseite/Aktuelles
zurück zu Interviews

"WENN ICH KEINE SPANNUNG IM KÖRPER HABE, WIE KANN ICH DANN SPANNUNG BEIM ZUSCHAUER ERZEUGEN?"

Interview mit Gabriella
von Nea's Tribal über ihr grundlegendes Tribal Projekt
"Neas Fundamentals"

von Marcel Bieger
Es mußte ja so weit kommen. Weil man mittlerweile alles Mögliche als Tribal oder ATS oder „nach FCBD“ vorgesetzt bekommt und sich manchmal verwundert die Augen reibt.
Nun hat Gabriele Keiner aus Dillenburg, bekannt als „Gabriella“, nach amerikanischem Vorbild die Initiative ergriffen und will dem Wildwuchs eine Form geben. Macht euch auf ein paar saftige Kommentare und Wahrheiten gefaßt. Gabriella hat wirklich vor, den Tribal zurück vom Kopf auf die Füße zu stellen – und hagalla bleibt dran
Aus deiner langjährigen Erfahrung heraus: Warum wirken manche Tribal-Tänzerinnen so, als hätten sie gerade Zitronen gegessen?

Wohl weil sie der irrigen Meinung sind, man müsse beim Tribal so gucken. Ähnlich ist es ja auch beim Orientalischen Tanz. Wenn man da eine Musik auf einem Video hört und sieht, was die Tänzerin beim Tanz für ein schmerz-verzerrtes Gesicht macht. Wenn man das nun einfach übernimmt, also dir nur diesen bestimmten Gesichtsausdruck zu eigen machst, ohne dir klarzumachen, daß diese Miene nur ein Ausdruck ihres Körpers zu dieser Musik ist, kommt es eben zustande, daß eine Tänzerin so grimmig guckt. Beim ATS ist es ebenso, da haben manche noch nicht begriffen, daß man Ausdruck nicht nur durch das Gesicht darstellen kann. Noch schlimmer ist es meiner Meinung nach beim Fusion. Als stünden die Tänzerinnen im Wettstreit untereinander, wer kann am arrogantesten gucken. Oder am überheblichsten. Sie glauben, so Sharon oder Rachel am besten nachmachen zu können, dabei drückt bei Kihara und Brice eine solche Miene nur die hohe Konzentration auf den eigenen Körper aus. Diesen Konzentrationsgrad erreichen viele unserer Tänzerinnen jedoch oftmals gar nicht. Ich kenne nur ganz, ganz, ganz wenige, die das erreichen. Die anderen machen einfach nur den Gesichtsausdruck nach, und das ist schlicht lächerlich. Da wird dann munter vom Video abgeschaut – „Ach, die guckt jetzt so.“ Wir haben das als Zuschauer doch oft selbst mitbekommen. Ich kenne Gruppen, da habe ich es entweder auf der Bühne gesehen oder von einzelnen Mitgliedern gehört, die bauen sogar den Zagareet in die Choreographie ein. Da fällt mir dann schon mal sie Kinnlade herunter. So etwas kann man doch nicht einstudieren, ein Zagareet passiert einfach oder nicht. Wenn ich nachfrage, bekomme ich zu hören, das paßte an dieser oder jener Stelle gerade so toll. Ach, denke ich mir dann, und wie soll das beim Publikum ankommen? Hallo? Thema verfehlt, setzen, sechs.

Wie siehst du die Situation des Tribal in Deutschland … 

Schwierig. Die Situation ist schwierig. Vielleicht sollte man erst einmal feststellen, wie Tribal Style Dance qualitativ und quantitativ dasteht. Die Quantität ist enorm hoch. Gegenüber früher ist die Zahl sehr angewachsen, und ich kann heute noch nicht einmal sagen, wie viele Stämme oder Gruppen existieren. Was jedoch die Qualität angeht, so reichen die Finger einer Hand aus, um die in Frage kommenden Gruppen aufzuzählen. Und das finde ich jammerschade. Tribal wird von vielen als Modeerscheinung wahrgenommen. Diese Mädels kaufen sich ein nettes Kostümchen, schauen sich auf You Tube ein hübsches Video an, und glauben dann, sie könnten jetzt auch Tribal. Tut mir leid, aber die haben alle nichts verstanden. Es gibt ein paar, ganz wenige Gruppen, die das anders sehen, die dahinter schauen und die sich Mühe geben. Um Tribal verstehen zu können, muß ich mich unbedingt an seiner Herkunft orientieren, und das ist eben Amerika, und das ist Fat Chance Belly Dance (FCBD). Darauf muß ich aufbauen, wenn ich Tribal tanzen will. Ohne Basis kann ich nichts aufbauen. FCBD ist hier bekannt, sollte es zumindest bei denen sein, die Tribal und ATS tanzen wollen. Wenn jemand Tribal tanzen will und FCBD nicht kennt, das ist genau so, als wolltest du Deutscher werden und schaffst den Einbürgerungstest nicht. Wenn ich bei Workshops hinten stehe, kann ich sehr gut überblicken, wie es bei uns in der Szene zugeht. Weil ich viel organisieren und hier und da was erledigen muß, bleibt mir nur der Platz ganz hinten. Aber dort habe ich dann auch Gelegenheit zu beobachten, was die anderen vor mir machen. Und ich kann nun mal nicht aus meiner Haut, das heißt, ich habe den Lehrerinnenblick und sehe sofort, ob eine Bewegung richtig ausgeführt wird oder nicht. Und in 99 % der Fälle wird sie leider nicht richtig umgesetzt. Mir ist irgendwann klar geworden, was eigentlich wirklich mitgenommen wird von Workshops, nämlich nicht, wie eine Bewegung richtig ausgeführt wird. Die Teilnehmerinnen geben diese Bewegungen dann so weiter, wie sie sie falsch aufgenommen haben. Und sie erzählen dann, wir haben FCBD gelernt, und wir können so tanzen. Aber das ist vollkommen falsch, das können sie nämlich noch lange nicht. Das ist eben das Problem in der Szene. Da machen Frauen einen Workshop von vielleicht vier Stunden mit und wollen darauf ihre ganze Lehrerinnenkarriere gründen?  

Nicht umsonst mache ich mit meinen Schülerinnen Privatunterricht, und ich bin mir auch immer noch nicht zu fein, selbst Unterricht zu nehmen (lacht). Denn ich als Lehrerin muß doch wissen, was ich meinen Schülern weitergebe, ich muß doch selbst immer noch weiterkommen. Als Lehrerin muß ich mindestens drei Schritte vor meinen Frauen sein. Ich brauche mehr Input für mich allein, ich muß mir klar werden, was ich falsch mache. Als Lehrerin kann ich nicht nur in einer Gruppe mit Schülerinnen lernen, und ich kann auch nicht mit dreißig anderen Workshop-Teilnehmerinnen alles lernen, das geht nicht. Aber leider denkt man hierzulande wie selbstverständlich so, und wer was anderes sagt, setzt sich gewaltig in die Nesseln (lacht). Andererseits findet man selten bekannte Namen als Schülerinnen in Workshops, vermutlich wollen sie nicht, daß andere sehen, daß sie genauso noch zu lernen haben. Ich sehe diese beiden Themen als die Probleme schlechthin warum wir so einen leider noch schlechten Level besonders im ATS haben.
- 1 -
weiter...
"...ich bin mir auch immer noch nicht zu fein, selbst Unterricht zu nehmen..."

v.l.n.r.: Kami Liddle, Gabriella, Ami Sigil
und Kari Vanderzwaag (Unmata)

Fotos, wenn nicht anders vermerkt, (c) Gabriele Keiner
Und sie haben es wohl auch nicht nötig, Tribal-Coaching zu machen, weder privates noch Gruppen-Coaching, lediglich vier Stunden Workshop zusammen mit dreißig anderen Frauen reichen ihnen aus? Wo sind wir denn? In welcher Lehre kann man denn so etwas machen? So etwas funktioniert nicht, kann es auch gar nicht. Aber in Deutschland denkt die Mehrheit der Szene so. Und nicht nur im Tribal, sondern auch im Bauchtanz. Man stelle sich das mal beim Ballett vor, undenkbar, oder?