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Chanel Arobas ist zu Gast beim 24. Orientalischen Tanzfestival Europas von Leyla und Roland Jouvana, 22. - 28. Nov. 2016 in Duisburg!
Infos und Workshopanmeldung hier:
www.leyla-jouvana.de
Grafik/WebDesign: Konstanze Winkler
Zum ersten Mal bei Leyla und Roland Jouvana, Chanel Arobas, eine der bekanntesten Tänzerinnen von der Ostküste des Mittelmeeres.

Ihre Familie stammt aus Marokko, und sie ist in der Berber-Kultur aufgewachsen, was ihrem Bauchtanz eine ganz besondere Note verleiht. Dabei ist Marokko kein Bauchtanz-Land, und wie Chanel trotzdem zum Bauchtanz gefunden und ihn verinnerlicht hat wie keine zweite, das erzählt sie uns hier im Interview. Eine ihrer wichtigsten Erkenntnisse beim Bauchtanz:
"WENN MAN MIT SEINER SEELE TANZT, ENTSTEHT MAGIE"

Interview mit Chanel Arobas

von Marcel Bieger (auch Übersetzung)

Stell dich und deine tänzerische Herkunft bitte vor.

Also gut, fangen wir mit mir an. Meine Eltern und meine Brüder sind in Marokko geboren, dann sind sie nach Asien in den Nahen Osten gezogen, und dort bin auch ich zur Welt gekommen. Aber ich bin in die marokkanische Kultur hineingeboren, in ihre Musik, ihre Farben und ihre Sprache. Seit ich denken kann, habe ich marokkanische Musik gehört. Bei uns in der Stadt gibt es eine große marokkanische Gemeinde, und dort kommt man sich auch wie in Marokko vor.

An Feiertagen, auf Hochzeiten und bei sonstigen Festlichkeiten haben wir zu marokkanischer Musik getanzt und marokkanischen Sängern gelauscht. In dieser Kultur ist es üblich, einige Tage vor der eigentlichen Hochzeit eine Party für die Braut und für den Bräutigam zu geben. Diese Parties heißen „Hena“; dazu kleiden wir uns alle traditionell in einen Kaftan, wir mieten für die Feier einen Saal und laden ein marokkanisches Orchester und einen Sänger ein. Und dann wird getanzt, bis der Morgen graut, und alle Freunde und Familienmitglieder machen mit.

1992 bin ich nach Marokko gereist, um mich im Land meiner Herkunft umzusehen, und kaum war ich dort angekommen, wurde mir bewußt, daß dieses Land mir nicht fremd war, obwohl ich es nie zuvor gesehen hatte; so als hätte ich die Menschen und ihre Kultur schon immer gekannt. Ich habe mir Tänze und andere Auftritte angesehen, natürlich Volkstänze, und sie alle waren mir von zuhause vertraut.

In Marokko ist der eigentliche Bauchtanz nicht sehr verbreitet, meist tanzt man Volkstänze. Der Bauchtanz gilt in Marokko nicht als respektable Kunstform, und niemandem würde es gefallen, wenn seine Frau oder seine Tochter wie eine Ägypterin tanzte. Für meine Eltern war es daher anfangs auch nicht leicht sich damit abzufinden, daß ich Bauchtanz betrieb. Aber als sie mich dann in meiner Show tanzen gesehen haben, erkannten sie, daß diese Art zu tanzen nichts mit dem zu tun hat, was sie vorher für Bauchtanz gehalten haben. Heute akzeptieren sie meinen Tanz.
Wenn du so in der berberischen Kultur aufgewachsen bist, wie konnte es da passieren, daß du dich dem arabischen Bauchtanz zugewandt hast?

Stimmt, wie ich schon geschrieben habe dreht sich in unserer marokkanischen Gemeinde vieles ums Tanzen, ums Essen und überhaupt um die angestammte Kultur. Manche dieser Volkstänze haben sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Bauchtanz, aber sie gehen nicht so sehr in die Tiefe.

Als ich 24 war, hat meine ältere Schwester Bauchtanz-Unterricht genommen. Eine neue Tanzschule hatte in unserer Stadt aufgemacht. Ein Jahr lang hat meine Schwester auf mich eingeredet, doch mit ihr zu kommen, aber für mich war das unvorstellbar. Damals hatte ich ja noch keine Ahnung, wie gut der Bauchtanz Körper und Seele tut. Aber dann hatte sie mich so weit, und ich habe mir gesagt, „Anschauen kostet ja nichts“, und sei es nur darum, daß sie endlich begreift, wie wenig mir das gefällt. Aber als ich dann angefangen habe, die Übungen mitzumachen, haben die sich unglaublich gut angefühlt. Die Bewegungen gingen mir ganz natürlich aus den Gliedern. Aus der einen Stunde wurden drei Jahre. Danach bin ich an die Hochschule gegangen, um Tanzlehrerin zu studieren. Seit 2008 bin ich geprüfte Lehrerin und habe seitdem eine Menge im Bauchtanz getan.
Was genau hat dich am Bauchtanz so sehr begeistert, so daß du nicht mehr von ihm lassen konntest?

Als ich angefangen habe, mich mit dem Bauchtanz zu beschäftigen, habe ich, so glaube ich, auch angefangen, mich selbst zu entdecken. Mir hätte das normale Leben bevorgestanden – zur Arbeit gehen und dann nach Hause zu Mann und Kindern kommen -, doch durch den Tanz habe ich Kräfte und Energien erlebt, von denen ich nicht ahnte, daß sie in mir waren. Ich genieße es heute sehr, über solch einzigartige Fähigkeiten zu verfügen. Durch den Tanz und das Unterrichten habe ich einen Prozess der Selbstwerdung durchlaufen. Das versuche ich, auch meinen Schülerinnen beizubringen, sie sollen lernen, sich selbst zu entdecken.
Setzt du marokkanische Tänze oder Teile davon bei deinem Bauchtanz ein? Wir könnten uns dabei eine interessante Fusion vorstellen.

Bei einigen marokkanischen Tänzen gerät man in eine Art Trance, und normalerweise beginne oder beende ich meinen Unterricht mit einer solchen Trance. Meine Schülerinnen können sich dadurch besser entspannen und sich freier fühlen. Das gilt natürlich auch für meine Workshops in marokkanischem Tanz.

Hast du außer den marokkanischen Tänzen und dem Bauchtanz noch andere Tanzstile gelernt?

Ich verstehe mich auf alle Arten von Bauchtanz (Baladi, Falahi, Saidi, Raks Sharki, Marokkanisch und so weiter), ich habe ein absolutes Gehör, und ich bin mit arabischer Musik aufgewachsen. Mein Körper findet sich also mit allen Tänzen der arabischen Welt gut zurecht. Ich muß nur erst erkennen, worum es in diesem oder jenem Tanz geht. Wenn ich tanze, verwandle ich mich in eine besondere Persönlichkeit, und in meinem Kopf steht schon die Geschichte, welche diese Persönlichkeit tänzerisch erzählt. Ich tanze nicht nach einer Choreographie, sondern rein mit meinem Körper, meinen Gefühlen, meiner Geschichte und mit der Musik, die meinem Körper und meiner Seele die Schritte eingeben.

Wenn wir uns nicht irren, kommst du zum ersten Mal nach Deutschland, was erwartest du von diesem Besuch?

Nein, ich war schon einige Male in Deutschland, aber ich reise zum ersten Mal zu Leylas und Rolands Festival, und ich habe schon so viel Gutes über diese Veranstaltung gehört. Ich erwarte, dort viele Tänzer aus der ganzen Welt zu treffen, mit denen ich mich austauschen kann, alte Freunde wiederzusehen und neue Menschen kennenzulernen. Ich freue mich schon sehr darauf, Leylas Studio zu sehen und ihr bei der Arbeit zuzuschauen. Wer über so viele Jahre ein so großes Festival auf die Beine stellt, also das interessiert mich alles sehr. Und ich möchte lernen, denn ich weiß, daß die deutschen Tänzer auf einem sehr hohen Niveau stehen und ihre Technik meisterlich beherrschen.

Was bekommen wir von dir auf dem Festival auf der Bühne zu sehen?

Ich habe neulich mit meinem guten Freund, Dr. Hassan Khalil, zusammengesessen und ihm gesagt: „Ich entwickle nie eine Choreo für mich, denn wenn ich das täte, hätte ich das Gefühl, beim Auftritt meine Leidenschaft und meine Seele verloren zu haben.“ Und was hat er mir geantwortet: „Du entwickelst deine Choreographie schon seit 20 Jahren. Nämlich jedes Mall, wenn du trainierst oder auftrittst.“

Deswegen kann euch niemand sagen, was ich auf der Bühne zeigen werde. Da müßt ihr schon selbst vorbeikommen und mir zusehen. Eines steht aber schon fest: Wenn man mit seiner Seele tanzt, verbreitet sich Magie im ganzen Raum.

Einer deiner Workshops heißt „Tarab – lyrischer Tanz“. Was wirst du uns in ihm beibringen, und welches persönliche Verhältnis hast du zum Tarab und zum lyrischen Tanz?

Ich bin Tarab, und Tarab ist mein Leben. Wenn man Tarab tanzen will, muß man mit ihm eins werden. Du mußt ihn fühlen und zum Ausdruck bringen. Du darfst deine Gefühle nicht verstecken und muß es zulassen, daß deine Seele dich dazu bringt, deine Ziele, deine Geheimnisse und deine Wünsche zu leiten …

Wir lernen zuerst, wie man seiner Seele und überhaupt allen Arten von Gefühlen zuhört. Wenn man herausgefunden hat, welches Gefühl gerade in einem am stärksten ist, wollen wir lernen, wie man das am besten zum Ausdruck bringt. Ihr könnt euch dazu auch meine Videos anschauen (unter dem Namen Dorit Arobas). Keine Bange, auch wenn es gleich im ersten Video um die Traurigkeit geht, allerdings im Sinne von Nostalgie, Erinnerung oder Sehnsucht nach etwas oder jemandem. Auf diese Weise erhält der Tarab seine lyrische Beinote.

In deinem zweiten Workshop geht es darum „Hände und Arme zu artikulieren“.
Auch hier wieder die Frage: Warum sind dir Hand- und Armarbeit so wichtig?

Die Hände sind für mich eines der wichtigsten Mittel, um die eigenen Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Die Hände verraten, was in jemandem vorgeht. Wenn man einen wütenden Menschen sieht, erkennt man das an seinen Handbewegungen. Alle Gefühlsregungen bringen unsere Hände zum Reden.

In diesem Workshop untersuchen wir die Verbindung von unseren Gefühlen zu den Bewegungen unserer Hände und Arme, und wie man den Körper in Harmonie damit bringt. Stellt euch vor, die Tänzerin ist ein wunderschönes Gemälde, dann bilden die Arme den ebenso wunderschönen Rahmen darum. Um eine große Tänzerin zu werden, muß man zur inneren Harmonie finden und Körper und Seele fließen lassen. Wenn man dort angelangt ist, folgen die Arme der Seele. In diesem Workshop geht es auch um die Hände als Bilderrahmen.

Ganz liebe Grüße,
Chanel Arobas

WORKSHOPS mit CHANEL AROBAS

Samstag, 26. November,
17:15 – 19:15 Uhr
Tarab – Lyrical Dance
Moderner lyrischer Balady, Technik & Kombis mit Chanels einzigartigem und unverwechselbarem Stil. Emotionen ausdrücken, fühle und werde "eins" mit der Musik.

Sonntag, 27. November, 11:30 – 13:30 Uhr

Articulating Hands & Arms
Wunderschöne Technik & Kombis inkl. Mimik & Gestik, Posen und Spannung/Haltung.
Chanel Arobas bei facebook ...
Photos: Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Chanel Arobas
Chanel Arobas mit Dr. Hassan Khalil