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Wer eine Dekade lang Jahr für Jahr ein Tribal Festival durchgeführt hat, das mittlerweile zu den größten der Welt gehört (wenn nicht sogar das größte ist, wie einige meinen), von der wollen wir mehr erfahren. Also haben wir bei Asmahan el Zein per Telephon, E-Mail und anderen Kommunikationswegen angefragt, ob sie Zeit für ein Interview hätte. Natürlich hat sie wahnsinnig viel zu tun, aber da wir ihr Tribal Festival Hannover von Anfang an regelmäßig unterstützen, mußte es einfach irgendwann klappen. Hier ist das Ergebnis, wir sind stolz darauf.
„ICH KÖNNTE FÜR JEDES SUB-GENRE
EIN EIGENES FESTIVAL AUF DIE
BEINE STELLEN!“


Interview mit
Asmahan el Zein

von Marcel Bieger
Es soll tatsächlich Menschen geben, die dich noch nicht kennen oder noch nicht längst alles über dich wissen, kannst du dich kurz vorstellen?

Na das kommt mir ja vor wie Eulen nach Athen tragen. Mittlerweile bin ich 56 Jahre alt und habe 1001 Sachen in meinem Leben gemacht. Das könnte lang werden. In minimalen Stichworten: Studium Design, Bühnenbild, Freie Kunst, Modedesign, Architektur. Davon einige Jahre in Madrid/Spanien studiert und gearbeitet. Ballett-, Flamenco- und Tanzunterricht in verschiedenen Richtungen und bei den unterschiedlichsten Dozenten. Eine Ausbildung als Floristin (Grüße an Enussah von der Tribal Convention Nürnberg die ebenfalls in der Blumenbranche tätig war) und dann lange Jahre im Medienumfeld gearbeitet. Ein Vater, der ein Ethno-Musik-Instrumente-Museum aufgebaut hat (https://de.wikipedia.org/wiki/Sammlung Rolf_Irle) und, und, und …  dann 1989(!) mit 29 Jahren mit dem Orientalischen Tanz in Berührung gekommen … 
In Sachen Veranstaltung hab ich dann wie viele andere erstmal mit kleinen Sommerfesten, Studiofesten, größeren Shows und ähnlichen Veranstaltungen angefangen … und dann ist es gewachsen. Mit Start zur Expo Hannover dann die erste „World of Orient“ im Jahr 2000, 2001 die erste von fünf Veranstaltungen von „Hannover Spezial“, viele Jahre das „Große orientalische Sommerfest“ und ab 2008 hab ich dann mit dem Tribal Festival Hannover angefangen. Die erste Ausgabe hieß da noch „1.Norddeutsches Tribaltreffen“ (lacht). Insgesamt habe ich mich bei allen Veranstaltungen immer als Generalistin gesehen. Tanz, Musik, Kunst, Orient, Tribal als Gesamtkonzept und Einheit.
Bauchtanz-Festivals gibt es viele, mal ein paar mehr und mal ein paar weniger. Aber auf die Idee, bei uns ein Festival nur für Tribal und Artverwandtes ins Leben zu rufen, bist erst du gekommen. Was hat sich vor zehn Jahren zugetragen?

Daß sich das mal so auswächst und erweitert, war damals nicht abzusehen. Als Spaß und quasi als Hobby nur für mich so neben der „World of Orient“ wollte ich einfach mal etwas in der Tribal-Richtung machen, weil es mich persönlich begeistert hat. Vor 10 Jahren gab es einfach (fast) nichts in der Richtung. Mittlerweile gibt es ja „Tribal-Festivals“ und solche, die sich so nennen, im In- und Ausland im Dutzend und epischer Breite in den diversesten Größenordnungen.
Das Tribal Festival Hannover ist aus kleinen, aber originellen Anfängen (Stichwort Zirkuszelt) zum mittlerweile führenden seiner Art in Deutschland und international aufgestiegen, ab wann ist dir klar geworden, dass du etwas wirklich Großes auf den Weg gebracht hast?

Ich denke nicht in Kategorien wie “etwas Großes auf den Weg gebracht zu haben“. Wenn ich von etwas begeistert bin, dann leg ich mit ganzer Kraft los. Wobei ich sagen muß, daß es mittlerweile doch etwas zuviel wird – bei meinem persönlichen Anspruch und Perfektionismus mit zwei großen Festivals hintereinander – erst die World of Orient im März, dann das Tribal-Festival im Juni.

Tribal Fusion ist eine der schnellebigsten Tanz-Gattungen überhaupt, man hat den Eindruck, jedes Jahr wird ein neues Sub-Genre erfunden, und sie sind alle bei Dir gewesen. Gibt es irgendwelche Subgenres, die dir besonders gefallen haben (und andere, bei denen du erleichtert warst, als ihre Popularität nachgelassen hat)?

Mich persönlich begeistern nach wie vor Alle diese (Sub)Genres. Ich könnte für jeden dieser Bereiche ob Dark Fusion, Burlesque, Gothic Fusion, Elektro usw., ein eigenes Festival auf die Beine stellen. Insgesamt erfreue ich mich an der großen Vielfalt und versuche von allem etwas zu zeigen. Zudem ändert sich ja der Zeitgeist und mal ist das eine und dann das andere aktuell.

Wie beurteilst Du als Frau, die hautnah mit dem Tribal zu tun hat, überhaupt die ganze Entwicklung, die das Genre im zurückliegenden Jahrzehnt genommen hat?

Das kann frau nicht in drei Sätzen beschreiben, dazu ist das zu komplex. In Kurzform gesagt: Ob Oriental-, Tribal-, Mittelalter-, Garten- oder sonstige Festivals. Die Entwicklung ähnelt sich. Einige Enthusiasten haben eine neue Idee, dann wird es populär und es gibt 1001 Nachahmer, Entwicklung in diese und jene Richtung. Manches wird Mainstream, einige bleibt eine Special Interest Sache. Ich habe immer gehofft, daß Tribal das Potential zum Mainstream hat um der Kunstform Tanz wegen – jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher. Zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung und in der „normalen Welt“ kommt der Tribal Fusion Bellydance Style aber momentan gut an.
Gäste von allen Erdteilen sind zu Dir angereist, wie stolz bist du auf diese Internationalität, die du dir ja selbst erarbeitet hast?

Auch andere Festivals haben internationale Gäste – da bin ich wahrlich nicht die einzige. Stolz ist auch nicht das richtig Wort. Eher eine persönliche Freude, wenn Dinge gut funktionieren, wenn Künstler und Besucher Spaß haben, sich vernetzen und das Festival seine Aufgabe als internationale Plattform für alles rund um das Thema Tribal erfüllt.

Der Wettbewerbspreis Tribal Star geht jetzt auch schon in die 7. Runde. Wer ist auf die Idee gekommen?

Im Nachhinein kommt einem das immer total logisch und sinnhaft vor, auch im Tribalbereich einen Wettbewerb anzubieten. Als wir es das erste Mal angeboten hatten, war es aber noch Neuland. Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich mit mehreren Leuten aus der Szene zu diesem und jenem Thema telefoniert, und dann war die Idee da und wurde erfolgreich in die Tat umgesetzt.
Auch zur Teilnahme am Tribal Star reisen internationale Tänzerinnen an, wie geht das vor sich, melden die sich von sich aus bei dir oder hast du eine Art Findungs-Kommission, die unter den Bewerbern eine Auswahl trifft?

Ja, vom ersten Tag an war der Contest sehr international besetzt. Diesmal in der 7. Ausgabe haben wir Teilnehmer aus Portugal, USA, Japan, und natürlich Deutschland. Da wir nur eine begrenzte Zeit für den Wettbewerb haben, ist die Teilnehmerzahl limitiert. Bevor wir die Anmeldungen bestätigen werden die Bewerbungen auf Qualität geprüft.

Was hast du für die Jubiläums-Ausgabe des Festivals an Besonderheiten geplant?

Beinahe hätte ich das Jubiläum gar nicht bemerkt. Was auch nicht weiter tragisch gewesen wäre. Diesmal ist es eher so, daß ich Geschenke und Besonderheiten von anderen bekomme. Zum Beispiel das phantastische KoRaBo コラボ  Projekt. Ein Projekt unter der Regie von Patricia Zarnovican (Hannover) und Camew (Japan). Insgesamt stehen 28 Tänzerinnen am Samstagabend auf der Bühne, davon reisen 11 Tänzerinnen extra aus Japan an. Oder daß uns Nadira aus den USA vom The East Coast Classic Festival (USA), die diesmal mit dem fantastischen Competition-Gewinner Yoni Biyé (ehemals Bazi Afsun) anreist, zum zweiten Mal besucht. Oder das die megahammergeile Electro Swing Band Sepiatonic mit Frontfrau Karolina Lux wieder bei uns Station macht und, und, und ... Ich fühle mich reich beschenkt und hoffe, daß der Begeisterungsfunke ebenfalls auf alle anderen übergeht.

Was hast du für die nächsten zehn Jahre vor?

Erstmal schlafen, über die Zukunft nachdenken, und dann macht die Nachricht die Runde, daß sich Hannover als Kulturhauptstadt 2025 bewerben will. Das wäre eine passende Aufgabe für mich, die Orient- & Tribalszene da einzubringen.

Bei der Gelegenheit möchte ich jetzt die Gelegenheit nutzen und mich bei meinen langjährigen Mitstreitern und Helfern bedanken. Die, die mich seit zehn Tribal Festival Jahren mit allen Kräften und viel persönlichem Einsatz unterstützen. Techniker, Fotografen, Hausmeister, Videofilmer, Grafiker, Büromitwirkende, Kasse, Workshop-Betreuung und, und, und …

Ich kann hier die Namen gar nicht alle aufzählen weil ich Angst hätte jemanden zu vergessen aus all den vielen Jahren. Nach außen bin ich zwar der Kopf und das Aushängschild – aber ohne mein Team würde nichts gehen. Darum mein ganz herzliches Danke an euch alle für 10 Jahre Tribal Festival Unterstützung.

2008, das "1. Norddeutsche Tribaltreffen"
2008, "1. NDTT", Abendshow im Zelt
Ariellah und Asmahan, 2008
Asmahan mit Tempest & Sashi, 2010
schon immer war der Ansturm groß, hier im "Haus der Jugend", 2010
Asmahan und die Däninnen (Dud Muurmand und Tribe of Gaia)
Finale Tribalfestival 2010, v.l.n.r.: Tree, Sashi, Martina Crowe-Hewett, Tempest
Die Contest-Gewinner des Tribal Star Awards 2012
auch in diesem Jahr wieder mit dabei: Karolina Lux und Sepiatonic
Mitstreiter und Helfer:
Foto oben: Die Technik-Crew, Foto links: Das Festival Büro mit Arno Werner & Co.
... noch sieben Mal schlafen, dann ist es endlich wieder soweit!
10. Internationales Tribal-Festival in Hannover
vom 9. - 11. Juni 2017
www.tribal-festival.de